Star Wars: Blutlinie

Einige Jahre vor den Ereignissen aus „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ hat sich der Senat der Neuen Republik in zwei Lager gespalten. Durch Streit und Uneinigkeit selbst bei den kleinsten Dingen herrscht Stillstand auf den vielen Welten, die der Republik angehören. Umso stärker wird der Wunsch nach einem starken Anführer, vor allem als sich eine Allianz aus Unterweltbossen und Sympathisanten des vergangenen Imperiums bildet. Leia Organa versucht, den Geschehnissen auf den Grund zu gehen und gleichzeitig Bündnisse im Senat zu schließen. Doch Misstrauen und Verrat machen nicht nur ihr, sondern auch ihren vermeintlichen Gegnern zu schaffen.

von Ansgar Imme

Mit der Übernahme der „Star Wars“-Lizenz von George Lucas durch Disney und der Planung einer neuen Film-Reihe wurden alle alten Romane, die schon seit Langem als sogenanntes „Expanded Universe“ die Zeit nach der Schlacht von Endor fortgeschrieben hatten (darunter die grandiose „Erben des Imperiums“-Trilogie von Timothy Zahn), als hinfällig erklärt. Alle Handlungen um Luke, Leia und Han, um so bekannte Figuren wie Wedge Antilles, Mara Jade oder Lando Calrissian wurden zu „Legends“ erklärt, zu Geschichten, die hätten sein können.

Daher erfährt man als Leser nun eine „neue“ Wahrheit über die Zeit nach der Schlacht von Endor und die Jahre der neuen Republik. In diesem Roman geht es vorrangig um das Schicksal von Leia, welche als Mitglied des Senats der Neuen Republik agiert, während ihr Mann Han Solo in den Weiten des Alls unterwegs ist und Raumschiffrennen fliegt. Dabei muss sich Leia immer wieder mit Streitereien innerhalb des Senats beschäftigen, in dem sich über die Jahre mit den Populisten und den Zentralisten zwei große Parteien gebildet haben. Während die Populisten eine größere Eigenständigkeit der einzelnen Welten verlangen, wollen die Zentralisten eine starke Ordnungsmacht, die alle Planeten und einzelnen Welten lenkt und oft dem alten Imperium nachhängen.

Als eine neutrale Welt die Neue Republik um Hilfe gegen ein Gangster-Syndikat bittet, schickt der Senat mit Leia und Senator Casterfo von den Zentralisten ein Duo beider Parteien, um die Vorgänge zu untersuchen. Begleitet von C-3PO, Leias Assistentin Greer und dem Piloten Seastriker begeben sich die beiden Senatsmitglieder auf eine gefährliche Mission, bei der sie nicht nur den Anführer des Syndikats kennenlernen, sondern auch nach und nach eine viel größere und gefährliche Macht im Hintergrund aufspüren. Die Hinweise führen die beiden immer tiefer in das Syndikat, bis sie schließlich eine unglaubliche Gefahr für die Neue Republik entdecken.

Gleichzeitig treiben die Zentralisten ihr Ziel voran, einen Ersten Senator als Anführer des Senats zu küren und damit die Streitereien und kleinlichen Dispute zu unterbinden. Um die Macht und den Einfluss der Populisten zu wahren, suchen diese nach einer weit bekannten und geachteten Persönlichkeit, die über alles Misstrauen erhaben ist. Doch als man diese gefunden hat, scheint jemand ein Geheimnis entdeckt zu haben, welches das letzte Vertrauen untereinander erschüttert.

Nachdem Disney die lange und umfassende Geschichte des „Expanded Universe“ mit einem kraftvollen Schlussstrich beendet hatte, konnte man daran gehen, mit neuen Veröffentlichungen die Lücken zu füllen. Gerade da „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ eine große zeitliche Lücke gelassen hatte, blieb Autoren die Möglichkeit, diese mit eigenen Geschichten zu füllen (natürlich mit Disneys Genehmigung).

Aber auch wenn die Autorin hier Leia in den Mittelpunkt stellt, so ist es doch keine wirkliche Geschichte über Leia und gefühlt auch keine richtige „Star Wars“-Geschichte. Man begleitet die Senatorin zwar den Großteil des Buches – mit Ausnahme von kleinen Abstechern zu den Nebencharakteren –, aber einen wirklichen Einblick in die Person bekommt man nur selten. Hinweise auf ihren Sohn Ben oder ihren Bruder Luke (Skywalker) sind rudimentär – vermutlich, da die Autorin auch noch nicht wusste, was Disney und die Regisseure geplant haben. Ihr Mann Han Solo taucht kurz auf, um schnell wieder zu verschwinden und schafft damit auch kaum Verbindung. Vielmehr wird sehr viel Zeit für den Senat der neuen Republik und dessen Prozesse sowie Intrigen aufgewandt. Leider wirkt dies selten spannend und zieht sich vor allem im ersten Viertel des Buches sehr zäh hin. Mit der ersten Mission und den Ermittlungen danach nimmt die Spannung und Geschwindigkeit immerhin etwas zu, aber so richtig dynamisch wird es erst zum Ende, wenn sowohl ein überraschender und dramatischer Angriff stattfindet und zudem eine Enthüllung den Titel des Buches erfüllt.

Auch die Personen bleiben oft farblos, allen voran sogar Leia. Am überzeugendsten auch in der Entwicklung wirkt Senator Casterfo, der zunächst als Gegner mit viel Misstrauen agiert, sich aber immer mehr wandelt, Vertrauen fasst, enttäuscht wird und schließlich ein trauriges Schicksal erleidet. Als „Nebenrolle“ kann zudem noch Greer ein wenig Entwicklung durchmachen, während Pilot Seastriker oder andere verharren. Noch schlimmer als die Personen sind die Beschreibungen der Orte. Komplett allgemein gehalten, wenig Atmosphäre schaffend und kaum Bilder vermittelnd könnte der Roman überall spielen. Ebenso fehlt das gesamte „Star Wars“-Flair von Raumjägern und Raumschlachten, Jedis, seltsamen fremden Rassen oder überraschenden Entdeckungen. Man könnte jetzt einwenden, dass es auch im „Expanded Universe“ genügend Geschichten gab, die nicht alles davon beinhalteten, aber sie hatten Teile davon und boten Spannung und Wendungen und immer wieder kleine Anspielungen auf die Filme und Figuren. Hier bleibt es leider viel zu oft zu beliebig.

Fazit: Obwohl man sich mit Leia auf eine der Hauptpersonen konzentriert und es um die Hintergründe des neuen Films „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ gehen soll, sodass man spannende und überraschende Informationen hätte liefern können, gelingt es der Autorin viel zu selten, den Leser zu fesseln oder ihm „Star Wars“ zu bieten. Als Vorspann zum Film wird eher zu wenig enthüllt und nur sehr begrenzt auf die Erste Ordnung eingegangen. Wer sich für die wenigen Neuigkeiten interessiert und gerne eine vollständige Sammlung hat, wird sicherlich zugreifen. Wer mehr aus dem „Star Wars“-Universum erwartet, sollte besser bei anderen Büchern zugreifen.

Star Wars: Blutlinie
Film/Serien-Roman
Claudia Gray
Panini Books 2016
ISBN: 3833233540
400 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 14,99

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