Rendezvous mit Rama

Wenn es einen Autor gibt, der sich neben Namen wie H. G. Wells, Isaac Asimov und Stanislaw Lem einen Platz in der ewigen Hall of Fame großer Science-Fiction-Literaten verdient hat, dann ist es zweifellos der im März diesen Jahres verstorbene Arthur C. Clarke, der Mann, dem es wie kaum einem zweiten gelang, knallharte wissenschaftliche Fiktion mit einem überirdischen Sense of Wonder zu verbinden. „2001“, kongenial verfilmt von Stanley Kubrick, gehört sicher in diese Kategorie – ebenso wie „Rendezvous mit Rama“, der Roman, den Clarke direkt im Anschluss an „2001“ schrieb und der jetzt neu von Bastei Lübbe herausgegen wurde.

von Bernd Perplies

Im Jahr 2331 ortet das irdische Asteroiden-Überwachungsnetzwerk Spaceguard ein gewaltiges Objekt, das sich von jenseits des Jupiters dem Inneren des Sonnensystems nähert. Anfangs noch für einen ungewöhnlich geformten Felsbrocken gehalten, wird sehr bald klar, dass es sich hier um ein künstliches Gebilde von enormen Ausmaßen handelt, einen völlig glatten Zylinder, der um die eigene Mittelachse rotiert und auf keinerlei Kontaktaufnahmen reagiert. Nachdem sich die Menschheit halbwegs von der unglaublichen Erkenntnis, dass man offenbar nicht alleine im All ist, erholt hat, macht sich eine Expedition unter der Leitung von Commander Norton auf den Weg, den außerirdischen Besucher, dem man den Namen Rama gegeben hat, aus der Nähe zu untersuchen. Als sie das riesenhafte Raumschiff betreten, entdecken sie eine fantastische und völlig fremdartige Welt.

Gute 35 Jahre ist die Science-Fiction-Geschichte von Clarke jetzt schon alt, und noch immer weiß sie zu faszinieren. Das liegt allerdings weniger an den Figuren, zu denen Clarke spürbare Distanz hält. Man merkt, dass für den Autor die Menschen vor allem die Mittel zum Zweck sind, um das eigentliche Objekt der Faszination, in diesem Fall das gewaltige Raumschiff Rama, ins rechte Licht zu rücken. So neigt die Crew rund um Commander Norton dazu, ein wenig allzu abgeklärt und wissenschaftlich zu agieren. Die Protagonisten verlieren praktisch nie die Beherrschung, argumentieren stets logisch und angemessen und gebärden sich fast durch die Bank professionell. Extravaganzen werden höchstens durch einen speziellen Glauben oder ein ungewöhnliches Hobby eingebracht. Auf eine psychologische Zerreißprobe angesichts der außergewöhnlichen Situation, wie man sie zweifellos in jedem vergleichbaren Science-Fiction-Roman jüngeren Datums präsentiert bekäme, wartet der Leser hier vergebens. In diesem Sinne schreibt Clarke fast spektakulär anti-dramatisch.

Seine eigentliche Meisterschaft zeigt sich vielmehr im Wortsinn des Genres: der Science-Fiction. Dabei gelingt es ihm zunächst beinahe beiläufig, wissenschaftliche Fakten und/oder plausible Fiktionen, in den Text einfließen zu lassen – sei es zum Thema Asteroidengefahr, Raumfahrt an sich, Leben auf dem Merkur. In der Entwicklung und Erforschung Ramas wird dann die Fähigkeit Clarkes, technischen und physikalischen Sachverstand auf einen fantastischen Kontext anzuwenden, besonders deutlich. Der Aufbau des riesigen Raumschiffes ist in jedem Detail, das die menschlichen Entdecker erforschen, wohl durchdacht, und Ideen wie die künstlichen Lichtstreifensonnen oder der Ringozean, dessen südliches Ende höher ist als das nördliche, damit es bei Lageveränderungen des Raumschiffs durch die Trägheit des Wassers nicht zu Überschwemmungen kommt, versetzen einen als Leser einfach nur in Staunen. Es klingt so einleuchtend, nachdem es einem erklärt wurde – und dennoch wäre man selbst vermutlich nie darauf gekommen, auf solche Details zu achten.

Fazit: Alles in allem ist „Rendezvous mit Rama“ ein Roman, der heutige Lesegewohnheiten herausfordert. Einer engen Identifikation mit den Figuren verweigert sich Clarke ebenso wie einer herkömmlichen Spannungsdramaturgie. Fast nüchtern erzählt er von der ersten Begegnung der Menschheit mit einem Artefakt außerirdischer Mächte. Dabei fasziniert seine Fiktion vor allem durch ihre wissenschaftlich überzeugend wirkende Basis – der er dann aber doch, bei allem Hang zur „Sachlichkeit“, den Hauch des Fantastischen, eines überirdischen Mysteriums in Gestalt des unbegreiflichen Konstrukts Rama, unterlegt. Allen, die auch abseits der Space Opera oder Military SF Interesse an Zukunftsromanen haben, ist dieser Klassiker absolut zu empfehlen.


Rendezvous mit Rama
Science-Fiction-Roman
Arthur C. Clarke
Bastei Lübbe 2008
ISBN: 978-3-404-24371-6
302 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 8,95

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