Providence 1

Der Schatten von H. P. Lovecraft reicht weit. Immer wieder erfährt sein Werk an stilprägender phantastischer Horrorliteratur zeitgenössische Bearbeitungen. Als Ahnherr und Pate der morbiden amerikanischen Phantastik hat der 1890 in Providence, Rhode Island, geborene Howard Phillips Lovecraft für die Literaturgeschichte der Vereinigten Staaten von Amerika einen ähnlichen Stellenwert wie sein zeitlicher Vorgänger Edgar Allan Poe; beim breiten Publikum ist er dennoch weniger bekannt. Comic-Superstar Alan Moore, einer der profiliertesten Autoren unserer Gegenwart, hat sich zusammen mit Zeichner Jacen Burrows dem Mythos um Lovecraft angenommen und mit der Reihe „Providence“ eine ganz eigene Interpretation geschaffen. Die deutschen Sammelbände erscheinen bei Panini.

von Simon Ofenloch

Robert Black ist im Jahr 1919 Reporter beim New York Herald. Nach einem privaten Schicksalsschlag stürzt er sich umso mehr in die Arbeit. Auf den Spuren eines geheimnisvollen Buchs und okkulter Vorgänge gelangt er an verschiedene Orte in Neuengland und gerät mit seltsamen Menschen und unheimlichen Wesen zusammen. In drückenden Stadtwohnungen und dunklen Kellergewölben, in verschlafenen Fischerstädtchen und auf abgelegenen Farmen trifft Robert, der homosexuell orientiert ist, immer wieder auf bedrohliche Phänomene, die ihn allmählich an seinem Verstand zweifeln lassen. Welche gefährlichen Dinge lauern da auf der Schwelle zum Wahnsinn?

Mit „Providence“ wandelt Alan Moore auf den Pfaden von H. P. Lovecraft. Nicht zum ersten Mal. Denn zuvor hat er mit „Neonomicon“ bereits eine interessante Hommage an den bedeutenden US-amerikanischen Schriftsteller erarbeitet, zusammen mit dem Zeichner Jacen Burrows. Burrows ist auch wieder bei „Providence“ derjenige, der die inhaltlichen Ideen von Moore zu Bildern formt. Während „Neonomicon“ – im deutschen Sammelband wurden die originalen Einzelbände „The Courtyard“ und „Neonomicon“ gebündelt – Motive aus den Werken von H. P. Lovecraft in die Gegenwart überträgt, beginnt die Handlung der Comic-Reihe „Providence“ zu Lebzeiten von Lovecraft, im Übergang zu den 1920er Jahren. Die Bearbeitung der Vorlage, die Referenz auf ursprüngliche Inhalte des Cthulhu-Mythos oder des Arkham-Zyklus, schlägt sich subtil nieder. Namen und Schauplätze wurden umbenannt, doch die Essenz der Originaltexte ist stets erkennbar. Dem Journalisten Robert Black wird das unterschwellige Grauen bald zum ständigen Begleiter. Wer beim Entschlüsseln der zahlreichen Anspielungen und Verweise Hilfe braucht, dem sei das untenstehend verlinkte Online-Kompendium im Internet anempfohlen. Dort finden sich viele Hintergründe erläutert.
 
Wer somit in den Genuss allen Wissens kommen möchte, hat viel zu lesen. Nicht alleine im Comic. Wenngleich dort schon der Texte viele sind. Den eher nüchternen, klaren Zeichnungen von Burrows sind immer noch umfangreiche Prosastücke zur Seite gestellt, Tagebucheinträge von Robert Black, die den Inhalt der Bilder nicht selten relativieren oder konterkarieren. Und manches persönliche Geheimnis enthüllen. Andere Schriftstücke, die im Rahmen der Handlung Bedeutung erlangen, finden sich ebenso eingebunden.

Dieser erste deutsche Band zur Reihe versammelt die ersten vier US-Einzelausgaben, zusammen mit Abbildungen aller zugehörigen US-Cover und Variant-Gestaltungen. Dazu gibt es noch ein Vorwort von Christian Endres und einige abschließende Erläuterungen von Antonio Solinas, neben Kurzinfos zu den beiden Comic-Künstlern Moore und Burrows.   

Fazit: Bei Alan Moore geht es fast immer ums große Ganze. So wird wohl „Providence“ zur erschöpfenden Auseinandersetzung mit H. P. Lovecraft und dessen literarischem Vermächtnis anwachsen. Mit dem ersten Sammelband ist die Richtung vorgegeben, mit zahlreichen Referenzen, vielschichtig und reichhaltig. Dabei anstrengend und fordernd in der Erschließung. Wer das ganze Meta-Werk erfassen und begreifen möchte, muss wohl einiges an Einsatz leisten. Das mag nicht jedermanns Sache sein.

Providence 1
Comic
Alan Moore, Jacen Burrows
Panini Comics 2015
ISBN: 978-3-95798-571-2
176 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 19,99

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Umfangreiche Anmerkungen zu Alan Moores „Providence“ (auf Englisch)