Ocean

Das erste Panel zeigt nichts als tiefes Blau. Die Stimme eines unsichtbaren Tauchdisk-Operators ist zu hören, der in Funkkontakt mit seiner Basis steht. Er beschwert sich darüber, dass er einem unbekannten Radarecho nachgehen muss, statt sich zuhause mit seiner Flasche vergnügen zu dürfen. Dann plötzlich die entsetzliche Erkenntnis: Bei dem Radarecho handelt es sich um Dutzende, Hunderte von Särgen, einen Friedhof unter dem Meer. Und während sich die Stimme des Tauchdisk-Piloten in Panik überschlägt, erfahren wir: Wir befinden uns auf Europa, dem Jupitermond, Millionen von Kilometern von der Erde entfernt.

von Bernd Perplies

„Ocean“ ist eine in sich abgeschlossene, ursprünglich sechs Hefte umfassende Science-Fiction-Geschichte aus der Feder von Warren Ellis. Die Zeichnungen stammen von Eisner-Preisträger Chris Sprouse, der auch gemeinsam mit Ellis die Idee für die Reihe hatte.

Im Zentrum der Geschichte steht Nathan Kane, ein Waffeninspektor der Vereinten Nationen, der zu der Forschungsstation Cold Harbor im Orbit um den Jupitermond Europa geschickt wird, nachdem diese eine Ansammlung von Stasisbehältern sowie eine Reihe seltsamer Artefakte, die Waffen sein könnten, in den Tiefen des Ozeans unter der Eiskruste des Mondes gemeldet hat.

Vor Ort trifft Kane einen heruntergekommenen Wissenschaftler und drei mehr oder minder resolute „Amazonen“, die hier eigentlich nur den Mond vermessen sollten, dann aber auf diese Sensation unterm Eis gestoßen sind. Das an sich wäre noch nicht so schlimm, doch unweit der Forschungsstation befindet sich auch noch die Station des Multinationalen Megakonzerns Doors Corporation, der hier draußen im Grenzland ungestört Forschungsprojekte am Laufen hat. Natürlich haben die Computerspezialisten dort auch die Artefakte und die „Toten“ entdeckt und als Kane dem dortigen Manager einen Besuch abstattet und ihm sein neues Spielzeug wegnehmen will, ist dieser natürlich alles andere als begeistert. Schon bald kommt es zum gefährlichen Kräftemessen zwischen den Wissenschaftlern und den Angestellten des Konzerns.

Es ist wirklich erfrischend, mal wieder einen Comic zu lesen, der nicht Teil eines endlosen Zyklus ist. „Ocean“ hat 160 Seiten, auf denen der Comic eine knackige, gradlinige Abenteuerstory entwickelt, die an Filme wie „Outland“ oder „Moon 44“ erinnert, in denen ebenfalls einzelgängerische Weltraum-Cops auf abgelegenen Posten im All nach dem Rechten sehen mussten.

Tatsächlich erzählt „Ocean“ seine Handlung sehr filmisch, fast wie ein Storyboard. Viele Panels sind so angelegt, dass sie auch Kameraeinstellungen in einem Film sein könnten und es fällt leicht, im Geiste die Kamerabewegung und die Bewegungen der Figuren vor der Kamera hinzuzufügen. Gemeinsam mit einem Helden, der an Samuel L. Jackson erinnert, einer kaputten Stationscrew, die direkte Verwandte der Frachterbesatzung aus Ridley Scotts „Alien“ sein könnten, und einem rasant ansteigenden Spannungsniveau, das in einem fulminanten, explosiven Finale mündet, glaubt man alle Zutaten zur Hand zu haben, die einen soliden Genre-Film ausmachen würden – oder eben einen soliden Genre-Comic.

Nett sind zudem die vielen kleinen Details, die der Zukunft in Hundert Jahren, quasi nebenbei, an Tiefe verleihen. So löst sich Kanes Kaffeebecher von selbst auf, als ihn der Inspektor achtlos auf den Gehweg schmeißt, eine Stewardess zeigt sich völlig überrascht, dass es noch Menschen gibt, die ein Buch mit sich herumtragen und die Kapitänin des Kurierschiffes, das Kane zum Jupiter bringt, dankt ihm bei der Ankunft für eine schöne Woche – klar, das Reisen im All ist für gewöhnlich sicher furchbar einsam und langweilig. Da erscheint es ganz natürlich, dass eins zum anderen führt.

Die Zeichnungen bewegen sich im guten Mittelfeld dessen, was ich so kenne, wobei vor allem die technischen Einrichtungen, Raumschiffe und Stationen sehr schick aussehen. Der Panelaufbau ist ziemlich klassisch und kommt meist im Widescreen-Format daher, was die Filmassoziation verstärkt. Besonders eindrucksvoll ist der Einsatz von Farben und Farbeffekten. Rot-, Blau- und Grautöne herrschen deutlich vor, nur durchbrochen von gelegentlichen Eruptionen von Gelb aus Antrieben und Waffensystemen.

Fazit: „Ocean“ ist irgendwie das Comic-Äquivalent eines Science-Fiction-Films wie „Outland“. Sicher kein großes Kino, sondern viel eher gradlinige Genrekost, als solche aber höchst gelungen. Eingängige Charaktere, ein großartiges Setting sowie eine spannende und – gerade in der zweiten Hälfte – an Action keineswegs arme Handlung vereinen sich hier zu einem Ganzen, das Science-Fiction-Fans einfach nur Spaß machen wird.


Ocean
Comic
Warren Ellis, Chris Sprouse, Karl Story
Panini Comics 2007
ISBN: 978-3-86607-360-9
160 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 16,95

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