Neonomicon

Alan Moore ist dafür bekannt, Bereichen der Popkultur seinen ganz eigenen Stempel aufzudrücken. In seinem Meisterwerk „Watchmen“ rechnete er mit dem Mythos Superheld ab. Mit seiner „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ bot er einen zitatenreichen Ausflug in die Welt des Steampunk. Nun hat er sich dem Horror-Autor H.P. Lovecraft und seines Cthulhu-Mythos angenommen.

von Frank Stein

Die Geschichte, die mit einer Reihe identischer, aber scheinbar nicht zusammenhängender Ritualmorde beginnt und von dort an tief ins Reich des Wahnsinns und der blasphemischen Schrecken führt, wird in zwei Teilen erzählt. Im Zweiteiler „The Courtyard“ untersucht der Undercover-FBI-Agent Aldo Sax oben genannte Morde, die ihn auf eine um Lovecrafts Cthulhu-Mythos herum errichtete Subkultur aus Rockmusik, Drogen und Sex-Clubs stößt. Doch er begreift nicht, wer seine wirklichen Gegner sind, und so führen ihn seine Nachforschungen unerbittlich über die Schwelle jenseits der Vernunft.

Der Vierteiler „Neonomicon“ ist zwei Jahre später angesiedelt. Erneut kommt es zu Morden, und die beiden FBI-Agenten Merril Brears und Gordon Lamper sollen den Fall erneut aufrollen. Das umgekehrte Mulder-Scully-Duo (hier ist er der Skeptiker und sie die Gläubige) folgt dabei den Spuren von Agent Sax, der mittlerweile als irrer Mehrfachmörder im Gefängnis sitzt. Während einer Razzia in einer Disco namens „Club Zothique“ und einer Wohnungsdurchsuchung bei einem unheimlichen Drogendealer finden die beiden eine Spur, die zu einem Sex-Shop in Salem, Massachusetts führt. Doch wie Sax bereits zuvor, unterschätzen die beiden Agenten die Gefahr, in die sie sich begeben, als sie undercover einen Zirkel aus Orgon-Energie-Jüngern infiltrieren. Ein Albtraum aus Sex, Gewalt, Tod und Wahnsinn erwartet sie.

Zwei Dinge zeichnen die Geschichten Alan Moores immer wieder aus: zum einen die intelligente, zitatenreich verspielte Konstruktion seiner Geschichten und zum anderen die mitunter schonungslos drastische Umsetzung im Detail. Genau das liegt auch hier vor, und nicht ohne Grund wird „Neonomicon“ vom Verlag erst ab 18 Jahren empfohlen.

Auf der „intelligenten“ Seite wäre der Umgang mit Lovecraft und dessen Cthulhu-Mythos, der in den letzten 80 Jahren ein unglaubliches multimediales Eigenleben entwickelt hat. So ist „Neonomicon“ nicht einfach eine Ergänzung der Geschichten rund um die Großen Alten und ihre Diener, sondern zugleich ein Kommentar des Mythos und eine interessante Umdeutung. Sowohl die Subkultur, in der sich die Ritualmorde abspielen, als auch die Agentin Merril Brears sind sich Lovecrafts Geschichten bewusst. Eine Band wie „The Ulthar Cats“, der Club Zothique oder ein Lied, das von Erich Zann handelt, belegen dies ebenso, wie die Ausführung von Agent Brears, die sich fragt, ob die Ritualmorde irgendein perverses Spiel der Cthulhu-Fans ist.

Zugleich scheint der Mythos aber auch real präsent zu sein. Im dunklen Zentrum dieser Lovecraft-Jünger lauern einige Schrecken, die den wahren Kern dessen darstellen, was Lovecraft in den 1920ern beschrieben hat. War also der Autor nicht bloß Erfinder von Geschichten, sondern hat vielmehr einen Blick in eine andere, höhere Welt der kosmischen Schrecken geworfen? „Life imitates art imitates life“ scheint das Motto von Moores Comic zu sein.

Die „drastische“ Seite spiegelt sich dann in vom Wahn ausgelösten Gewalt- und den Sex-Orgien wider. Was bei Lovecraft gerne als „blasphemische Rituale“ verklausuliert wurde, zeigen Moore und sein Zeichner Jacen Burrows in eindringlicher, grausamer Deutlichkeit (wobei ihnen trotzdem der Kunstgriff gelingt, dass Schlimmste außerhalb des Panels und allein im Kopf des Lesers zu halten). Interessanterweise zeigt sich dabei gleich mehrfach, dass die Menschen sich selbst das größte Monster sind. Die Avatare des Mythos wirken dagegen beinahe human. Der faustische Verführer ist von ausgesuchter Höflichkeit, und das urzeitliche Ungeheuer ist eher Opfer, als Täter, denn es scheint allein seinen Trieben zu folgen, die frei von Boshaftigkeit sind (ganz anders da sein „Fanclub“ aus Sexbesessenen).

Am Ende scheint die Welt – in einer spannenden Umdeutung des bisherigen Bildes vom träumenden Cthulhu – an der Schwelle eines neuen Zeitalters zu stehen. Auch wenn das auf den ersten Blick bitterböse anmutet: Blickt man noch einmal auf die Welt zurück, die Alan Moore und Jacen Burrows uns präsentiert haben, ertappt man sich dabei, ihr ein reinigendes Fegefeuer durchaus zu wünschen.

Fazit: Alan Moores „Neonomicon“ ist mit Sicherheit kein netter Comic. Er zeichnet eine Welt voller Sex und Gewalt, die vor cthuloiden Schrecken nicht panisch zurückweicht, sondern diese regelrecht anbetet. Aufrechte Helden gibt es nicht – selbst FBI-Agenten haben ihre Leichen im Keller. Und die Monster von einst, scheinen heute beinahe die Zivilisiertesten zu sein. An der Oberfläche hat Alan Moore mit „Neonomicon“ eine spannende Aktualisierung des „Cthulhu“-Mythos verfasst. Doch darunter scheint sich die Frage zu verbergen, ob das wahre kosmische Grauen nicht in der Natur des Menschen selbst liegt.


Neonomicon
Comic
Alan Moore, Jacen Burrows
Panini Comics 2011
ISBN: 978-3-86201-191-9
144 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 16,95

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