Matrix Comics 1

Es ist schon fast zehn Jahre her, dass uns Laurence Fishburne alias Morpheus vor die Entscheidung stellte, die blaue oder die rote Pille zu schlucken, und damit die Ereignisse einer der am kontroversesten diskutierten Film-Trilogien der letzten Jahre in Gang setzte. Die „Matrix“ der Wachowski-Brüder beschäftigte Genre-Fans und Philosophen gleichermaßen, und was mit einem Film begann, entwickelte sich schnell zum Franchise, das multimedial die Welt jenseits unserer Scheinrealität vergrößerte. Überraschend spät ist nun auch ein Comic-Band erschienen, der in Kurzgeschichten genau das Gleiche versucht: der Matrix neue Facetten abzugewinnen.

von Kurt Wagner

Das MMORPG „The Matrix Online“, das Computerspiel „Enter the Matrix“ und vor allem die Animationsfilms-Kompilation „Animatrix“ haben es vorgemacht, indem sie mehr oder minder große Episoden aus der Welt der „Matrix“ erzählten und diese so mit der Filmtrilogie verwoben, dass mehr daraus wurde, als die Summe ihrer Teile (das ist natürlich kein „Matrix“-eigenes Phänomen, das kennen andere Franchises durchaus auch). Nun gibt es das Ganze auch in Form von Bildergeschichten.

Mit den „Matrix Comics“ erfüllen sich nicht nur die Comic-Afficionados Andy und Larry Wachowski einen lang gehegten Traum, auch Fans des postakalyptischen Science-Fiction-Settings dürften freudig überrascht reagiert haben, als der schmucke 160-seitige Hochglanzband mit Klappbroschur in den Läden auftauchte – überrascht vor allem deshalb, weil ich zumindest das Franchise fünf Jahre nach dem letzten Kinofilm „The Matrix Revolutions“ für abgehakt gehalten hätte. Naja, es gibt schlimmere Überraschungen.

„Matrix Comics“ versammelt in seinem ersten Band ein Dutzend Geschichten aus der Feder unterschiedlichster Autoren und Zeichner, darunter den Wachowskis selbst, Dave Gibbons, Neil Gaiman und Bill Sienkiewicz. Die Stories basierend dabei alle auf Ideen der Gebrüder und erzählen auf sehr unterschiedliche Art und Weise (sowohl graphisch als auch narrativ) von Einzelschicksalen und Lebensausschnitten von Menschen, die mit der Matrix und/oder der Welt dahinter in Berührung gekommen sind.

„Kleine Informationseinheiten“ von Larry und Andy Wachowski handelt beispielsweise von der frühen Rebellion eines Roboterbutlers gegen seinen gleichgültigen Herrn. In „Ein weniger freudloses Leben“ von Ted McKeever trauert die Protagonistin der vertanen Chance nach, seit sie vor die Wahl gestellt wurde, die blaue oder die rote Pille zu schlucken – und sich für die blaue, die falsche, entschied. „Brennende Hoffnung“ erzählt derweil von der Rettung eines Kindes aus der Matrix in die wirkliche Welt. Und „Ein ganz besonderes Schwert“ von einem verrückten Alten, der seinen sehr eigenen Kreuzzug gegen die Maschinenunterdrücker führt.

Der Zeichenstil der einzelnen Geschichten ist – dem Konzept der Anthologie entsprechend – sehr individuell. Comic-Kenner dürften sehr klar die Handschrift der namhaften Künstler erkennen, die hier ihren Beitrag geleistet haben. So ist jede Episode ein ganz eigenes, kleines und auch durchaus sperriges Kunstwerk, wobei mir die Collage-Technik von Sienkiewiczs „Bluten für die Normalität“ und die düster getuschten Panels von Gregory Ruths „Jäger und Sammler“, eine Variation des Melville’schen „Moby Dick“-Themas, am Besten gefallen haben.

Der Tonfall ist überwiegend ernst – mal eher fatalistisch, mal leicht nachdenklich, mal von grimmiger Hoffnung erfüllt. Nur einen humoristischen Ausreißer leistet sich Peter Bagge mit „Kapiert“, einer Story über zwei Freunde, die nach dem Kino-Besuch von „Matrix“ einem dritten Kumpel zu erklären versuchen, worum es in dem Film ging. Und auch wenn der Gag ganz nett ist, fühlt sich die Episode doch seltsam unpassend im Ganzen der Comic-Anthologie an. Einen weiteren, allerdings deutlich gelungeneren Einzelfall liefert Neil Gaiman ab, der eine geschriebene Kurzgeschichte über einen Piloten, der für die Maschinen gegen außerirdische Invasoren antritt, beisteuert.

Fazit: Zwölf höchst eigenwillige Geschichten zu einem Franchise, das seit fünf Jahren mehr oder minder ruht – man muss Panini Comics Respekt zollen, dass sie sich das getraut haben. Den „Matrix“-Fan und Comic-Liebhaber erwartet jedenfalls eine Anthologie durchaus lesenswerter Schnipsel rund um das Leben in und außerhalb der Matrix. Der Haken an solchen Sammlungen ist natürlich, dass einem die Stories, die man mag, meist zu kurz vorkommen, während zwangsläufig andere darunter sind, die einem von Stil oder Inhalt gar nicht zusagen. Jedem, der mit dem Kauf liebäugelt, würde ich zumindest raten, zunächst einen Blick zwischen die Buchdeckel zu werfen – denn bei einem Preis von knapp 20 Euro sollte man wissen, was einen hier erwartet.


Matrix Comics 1
Comic
Larry & Andy Wachowski, Neil Gaiman, Dave Gibbons u.a.
Panini Comics 2008
ISBN: 978-3-86607-587-0
160 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 19,90

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