Lost Souls

In Hameln, so würde man meinen, muss es Ratten geben, um die Sage lebendig zu halten. Wenn die ekeligen kleinen lichtscheuen Nager jedoch zu angriffswütigen Kampfbeißern mutieren, die scheinbar wahllos Menschen anfallen, ist guter Rat teuer. Zufällig finden sich die richtigen Experten, um zusammen diesem Rätsel auf den Grund zu gehen. – In der Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist das Schlimmste abzuwenden.

von Lars Jeske

In neuen Roman „Lost Souls“ von Thomas Finn präsentiert uns der versierte Autor basierend auf der Sage vom Rattenfänger von Hameln eine Horrorgeschichte, die überaus real und erschreckend wirkt. Wie bereits bei „Dark Wood“ aus selbigem Verlag, gibt es erneut einen englischen Titel. Das stört aber kaum, regt er beim Leser doch zusätzlich das Nachdenken an, was dies zu bedeuten hat. Selbstverständlich fängt die Geschichte harmlos an.

Nach einem Schicksalsschlag verschlägt es die Archäologin Jessika samt Adoptivtochter in die geschichtsträchtige Stadt Hameln – eher zufällig aufgrund eines Jobangebotes beziehungsweise geerbten Hauses. Gleich der erste, eher harmlose Auftrag eines bei Bauarbeiten in der Kirche gefundenen Kellergewölbes hat es jedoch bereits in sich. Ein zerstörter Sarkophag, eine Inschrift und ein Wandgemälde aus der Zeit um die Geschehnisse der Rattenfänger-Sage sind überaus interessant für die Archäologin und Hobbyhistorikerin. Aber warum sieht eine ebenfalls dort befindliche Holzstatur die mehrere hundert Jahre alt ist, ihr so verdammt ähnlich?

An anderer Stelle wird der Schädlingsbekämpfer (nicht zuletzt in Hameln ein einträglicher Beruf) Peter erneut zu einem Fall gerufen, wo Ratten unerwartet aggressiv zu Werke gehen und dadurch indirekt am Tode mehrerer Menschen Schuld sind.

Erst nach und nach ergibt sich ein Bild, dass alles irgendwie zusammenhängt. Aber das Team aus Archäologin und Schädlingsbekämpfer ist mit dem Beistand der Kirche auf einem guten Wege das Puzzle zu lösen und Licht ins Dunkel der Sage zu bringen. Je mehr sie dabei aufdecken, desto unheimlicher und verwobener wird alles miteinander. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, doch dann kommt alles anders …

Erfrischend ist vor allem, dass dem geneigten Leser die Handlung nicht übermäßig konstruiert vorkommt. Die Ereignisse und Vorfälle wirken ganz natürlich und passieren den Protagonisten einfach, ohne dass es besonders mystisch und mythisch zugeht. Ein normaler Job läuft für alle Beteiligten aus dem Ruder und dann ist bei der Zuspitzung der Geschehnisse nicht nur das eigene Leben in Gefahr. Hinzu kommt, dass die Handlung um so viel realistischer wirkt, da an einem realen Schauplatz in Deutschland und damit quasi gleich um die Ecke verortet. Ein beunruhigender Gedanke. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass Thomas Finn sehr gut recherchiert hat. Durch das Einflechten von klar belegbaren Fakten, Orten und dem aktuellen Wissensstand rund um die Sage, deren Ursprung und damit verwickelte Persönlichkeiten des Zeitgeschehens, wirkt alles sehr real.

Da sich die Geschichte innerhalb weniger Tage ereignet, ist jetzt keine großartige Charakterentwicklung der Protagonisten möglich oder zwingend nötig. Es ist schließlich keine epische Fantasy über mehrere Romane hinweg, sondern normale Menschen müssen in der heutigen Zeit mit einer besonderen Situation klarkommen und sich so gut schlagen, wie es eben geht. Gern auch mit etwas Glück oder notwendiger Technikaffinität. Das Erzähltempo ist angemessen, auch der Zeitdruck beim Leser wird am Ende gut in Szene gesetzt. Geringfügig overdone fand ich jedoch die streckenweise eingeflochtenen Fachtermini. Dass man als Leser nicht alles weiß geht in Ordnung, aber wenn eine Archäologin etwas einem Schädlingskämpfer erklärt oder vice versa sollten schon ein paar Rückfragen entstehen.

Fazit: In einer Zeit ohne Mythen und Legenden ist Hameln ein beschaulicher Ort in Deutschland mit sagenhafter Geschichte. Wie real alles dennoch heute sein kann, erleben die Protagonisten in „Lost Souls“. Ein Horrorroman rund um die Sage des Rattenfängers von Hameln und wie sich diese Sage bis in die heutige Zeit erstreckt. Die schlüssige Geschichte ist dabei so kurzweilig und flüssig geschrieben, dass man den Roman sehr schnell verschlungen hat, ohne mitzubekommen wie schnell sich die über 500 Seiten weggelesen haben.

Anmerkung: Also Bonus hatte ich das Glück ein Interview mit Thomas Finn führen zu dürfen. Dieses gewährt einem zusätzliche Einblicke in die Entstehung des Romans und wartet ebenso mit anderen überaus interessanten Informationen auf.


Lost Souls
Horror-Thriller
Thomas Finn
Knaur 2017
ISBN: 978-3-426-52176-2
520 S., Paperback, deutsch
Preis: EUR 9,99

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