Gruselkabinett 31: Die Gespenster-Rikscha

Exotisch wird’s im „Gruselkabinett“. Für die 31. Ausgabe haben sich die Macher eine Geschichte des Dschungelbuch-Autors Rudyard Kipling vorgenommen und entführen den Zuhörer so in das Indien des späten 19. Jahrhunderts.

von Bastian Ludwig

Inhalt

England 1882: Auf einer Überfahrt von Gravesend nach Bombay lernen sich der Verwaltungsangestellte Theobald Jack Pansay und die Offiziersgattin Agnes Keith-Wessington kennen. Auf der mehrwöchigen Reise beginnen die beiden eine leidenschaftliche Affäre, die sich während eines gemeinsamen Sommerurlaubs in der indischen Stadt Simla noch intensiviert.

Doch die Zuneigung ist ungleich verteilt. Während sich Agnes Hals über Kopf in Jack verliebt hat, fühlt sich dieser von ihrer Liebe mehr und mehr eingeengt, da sein Interesse an ihr mehr körperlicher Natur ist. Auf raue Weise beendet Jack die Liaison und verlobt sich mit der jungen Kitty Mannering, doch Agnes will ihn nicht aufgeben. Zwei Jahre lang, während der Ferien in Simla, versucht sie, Jack zurückzugewinnen.

Als Jack erfährt, dass Agnes verstorben ist, ist alles, was er fühlt, die Erleichterung, sie endlich los zu sein. Schnell muss er sich feststellen, wie sehr er sich doch geirrt hat. Immer wieder erscheint ihm Agnes, sitzend in der Rikscha, mit der sie zu reisen pflegte, und Jack muss mit Entsetzten feststellen, dass er der einzige ist, der sie sehen kann. Auch die Behandlung des Arztes Dr. Heatherlegh, der die Erscheinung des Geistes für nichts weiter als ein Hirngespinst hält, kann Agnes nicht vertreiben. So verschlechtert sich Jacks Zustand immer weiter…

Besprechung

„Die Gespenster-Rikscha“ basiert auf der 1885 erstveröffentlichten und für eine Neuveröffentlichung 1888 überarbeiteten Novelle „The Phantom Rickshaw“ von Rudyard Kipling. Das Hörspiel orientiert sich recht eng am Handlungsverlauf von Kiplings Erzählung, rafft diese an manchen Stellen und ergänzt sie an anderen, wobei vor allem eine einleitende Rahmenhandlung weggelassen und das Ende stark gekürzt wurde.

Da Dialog in der in einem berichtenden Stil verfassten Novelle nur wenig vorkommt, musste hier nachgetextet werden, was hervorragend gelungen ist. Viele Informationen, die in der Novelle vom Ich-Erzähler gegeben werden, liefern im Hörspiel die Gespräche der Figuren. Dennoch kommt auch der Erzähler Jack ausgedehnt zum Einsatz. So werden übertriebene Beschreibungen von Ereignissen und Handlungen in den Dialogen vermieden.

Die Adaption gewichtet einzelne Akte der Geschichte anders, als dies bei Kipling der Fall ist. Während in der Novelle die Exposition recht schnell abgehandelt wird, um sich dann ausführlich mit dem langsamen, psychischen Verfall Jacks zu befassen, so wird die Entwicklung der Beziehung zwischen Jack und Agnes im Hörspiel auf gut die Hälfte der Laufzeit ausgedehnt, sodass der „gespenstische“ Teil eher etwas zu kurz kommt.

Wirklich gruselig ist diese Ausgabe des „Gruselkabinetts“ ohnehin nicht. Dies liegt auch an der Vorlage, die nicht auf Schauereffekte setzt, sondern sich eher auf den psychischen Verfall Jacks konzentriert. Auf den Leser wirkt der Geist von Agnes weder bedrohlich noch erschreckend – was nicht als Kritikpunkt zu verstehen ist, denn das soll er auch gar nicht –, vor allem auch, weil offen gelassen wird, ob die Erscheinung nicht ohnehin nur ein Hirngespinst Jacks infolge seiner Schuldgefühle ist. Da Jack außerdem relativ rational auf das Auftauchen des Gespenstes reagiert, überträgt sich praktisch kein Schrecken auf den Zuhörer. Der Spannung tut dies aber keinen Abbruch, denn diese speist sich aus Jacks langsamem Zugrundegehen.

Auch wenn das Hörspiel den Gruselfaktor im Vergleich zur Vorlage etwas nach oben schraubt, haben wir hier eher eine Geschichte des leichten, durch die Atmosphäre erzeugten Schauers, ähnlich der Geschichten Edgar Allan Poes, wobei das allumfassende Gefühl von Verfall und die permanente Anwesenheit des Todes niemals in dem Maße zu spüren ist wie in den Erzählungen des Meisters. Hinzu kommt natürlich noch, dass der Handlungsort eine ganz eigene Atmosphäre versprüht. Hier gibt es keine alten Herrenhäuser und verfallenen Schlösser, keinen bewölkten Himmel mit permanentem Regen, keine Blitze, keinen Donner und keine wabernden Nebelschwaden, sondern sonnige Wälder und Vogelgezwitscher, verlassene Tempel und die Todesgöttin Kali. Zusammen mit sparsam eingesetzten Soundeffekten und dezenter Musik mit indischem Flair bildet dies den perfekten Rahmen für die ruhig erzählte Geschichte.

Die restliche Arbeit wird von den sehr guten Sprechern erledigt, die den Figuren Leben einhauchen. Matti Klemm ist wohl am bekanntesten als die Stimme von Robert Gant in der Rolle des Ben Bruckner in „Queer as Folk“ und als die Senderstimme von Kabel eins. Arianne Borbach leiht häufig US-Stars wie Diane Lane oder Catherine Zeta-Jones ihre Stimme. Auch als Roxann Dawson in der Rolle der B’Elanna Torres in „Star Trek- Raumschiff Voyager“ war sie zu hören. Uschi Hugo kennt sich im Gruselbereich aus, vertonte sie doch Julie Benz in ihrer Rolle als Darla in „Buffy“ und „Angel“.

Die Besetzung vollständig machen Synchronisationsveteran Bodo Wolf (aktuell vielleicht am bekanntesten als Stimme von Tony Shalhoub in „Monk“), Wilfried Herbst (Max Grodénchik als Rom in „Star Trek – Deep Space Nine“), Tommy Morgenstern (Dominic Monaghan als Charlie Pace in „Lost“), Jochen Schröder (spricht oft James Cromwell, etwa als Zefram Cochrane in „Star Trek – Der erste Kontakt“), Gisela Fritsch (die Standardstimme von Judi Dench) sowie Eva-Maria Werth (Zelda Rubinstein als Ginny Weedon in „Picket Fences – Tatort Gartenzaun“).

Fazit: Mit „Die Gespenster-Rikscha“ hat Titania Medien eine saubere Hörspielproduktion vorgelegt, die sich als gute Adaption von Kiplings Novelle mit leicht veränderter Schwerpunktsetzung herausstellt und dem Zuhörer eine ruhig erzählte Gruselgeschichte mit sanftem Schauer bietet.


Gruselkabinett 31: Die Gespenster-Rikscha
Hörspiel nach einer Novelle von Rudyard Kipling
Stephan Bosenius & Marc Gruppe
Lübbe Audio/Titania Medien 2008
ISBN: 978-3-7857-3639-5
1 CDs, 55 min., deutsch
Preis: EUR 8,95

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