Gruselkabinett 12 & 13: Frankenstein

Kaum eine Erzählung der klassischen Schauerliteratur wurde von der Unterhaltungsindustrie so häufig adaptiert wie Mary W. Shelleys Frankenstein, kaum eine Figur so oft für neue Produktionen bemüht, wie die der gequälten und quälenden Kreatur, deren Existenz auf Frankensteins unsägliches Schaffen zurückgeht. Mag man auch Boris Karloffs Schraubenhals, Robert DeNiros Narbengesicht oder Herman Munster vor dem geistigen Auge haben, so beginnen sie doch alle hier: bei der ursprünglichen und unerreichten Geschichte vom modernen Prometheus. Titania Medien legt diese nun als zweigeteilte Hörspielfassung vor und lehrt selbst Kenner noch das Gruseln.

von Christian Humberg

 

Gott zu spielen

Für den jungen, aufstrebenden Wissenschaftsstudenten ist es der Traum schlechthin: die Welt mit der eigenen Forschung dauerhaft zu verbessern und ihr so den eigenen, unverwechselbaren Stempel aufzudrücken. Viktor Frankenstein, Sohn aus gutem Hause und mit gesundem sozialen Umfeld gesegnet, hegt wirklich hohe Ziele, als er zum Studium nach Ingolstadt reist. Nichts geringeres als die Aufhebung des Todes schwebt ihm als Forschungsinhalt vor, nur wird keine Universität der Welt derart frevlerisches (und, so die allgemeine Meinung der Wissenschaft, irrsinniges Tun gutheißen). Frankenstein igelt sich daher ein, besucht die Vorlesungen kaum noch und widmet sich vollends den eigenen Experimenten, von deren finalem Erfolg der engagierte Student überzeugt ist. Auch die Verstoßung seitens seines wissenschaftlichen Mentors schreckt Viktor nicht mehr ab.

Und dann gelingt es: Er schafft Leben, wo keines mehr war und "gebiert" auf diese Weise ein Wesen, für das es sowohl innerhalb der Schöpfung als auch der menschlichen Gesellschaft einfach keinen Platz geben darf. Voller Abscheu und Furcht vergrault Frankenstein seine Kreatur und startet damit unbewusst einen Rachefeldzug, der sein gesamtes Umfeld in Mitleidenschaft ziehen und für ihn selbst zum Schicksal werden soll.

"How I, then a young girl, came to think of, and to dilate upon, so very hideous an idea?"

So spricht Mary Shelley selbst über ihren Roman, der ihr noch heute Weltruhm einbringt (weit mehr als zu Lebzeiten, wo die zeitgenössische Krtik zunächst eher wenig mit dem Werk anzufangen wusste). Jedem Freund des gepflegten Grusels sollte diese Erzählung ohnehin bekannt sein, daher erspart sich der Rezensent eine ausführlichere Inhaltswiedergabe. Was Shelleys Kreativität zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts während eines Aufenthalts in der Schweiz entsprang, funktioniert bis in die Gegenwart auf mehreren Ebenen. Zum einen bietet die in Teilen sowohl der Romantik als auch der Gothic Novel zuzurechnende Erzählung den bekannten Gruselfaktor, den man wohl am ehesten mit dem schon nahezu sprichwörtlich gewordenen Titelnamen verbindet. Zum anderen bietet sich "Frankenstein" aber auch als Parabel an, welche die Leser vor den immer stärker werdenden Eingriffen  der Technik und Naturwissenschaften in das Leben der Menschen ihrer Zeit warnte (man denke nur an die industrielle Revolution und ihre gesellschaftlichen Folgen).

Mary Shelleys Roman durchziehen all diese Aspekte, Viktor Frankenstein ist gleichzeitig Held und Opfer, Täter und Ermittler in einem von ihm selbst, vom eigenen übertriebenen Wissensdurst  angestoßenen Prozess, der nur zum Untergang führen kann.

Für Titania Medien, ein noch relativ junges Unternehmen, dass sich nicht zuletzt mit dieser hervorragend produzierten Hörspielreihe einen Namen machen konnte (so war man bereits mehrfach für den Deutschen Phantastik-Preis nominiert und hat auch schon einige Auszeichnungen erhalten), ist die Frankenstein-Adaption hörbar eine "labour of love".

Erzählte Erzählung

Autor Marc Gruppe verlässt sich bei seiner Hörspieladaption des Stoffes ganz auf die klassische Geschichte und die Tragkraft seines Sprecherensembles. Dies geschieht zu Recht. Im Gegensatz zu manch anderer Produktion auch im Hörspielsegment bemüht sich Gruppes Variante der Geschichte um eine möglichst genaue Werktreue. Das bedeutet nicht, dass die Shelleysche Wortwahl und Sprache eins zu eins ins Hörspiel umgesetzt wurden (was natürlich gar nicht möglich wäre), sondern dass sich die Handlung angenehm genau ans Original hält. Es ist Titania Medien ein besonderes Anliegen, mit der Reihe "Gruselkabinett" atmosphärisch treffende Schauerwerke zu präsentieren. Gruppe hat genau erkannt, dass zu diesem Zweck kein großer Eingriff in die Erzählung nötig ist.

"Frankenstein" beginnt aber, dies freut den Literaturwissenschaftler, mit einer kurzen Einleitung über die Entstehungsumstände und den Entstehungsort des Romans, bevor dieser, zu Beginn noch aus Sicht Robert Waltons erzählt, einsetzt und Frankensteins tragisches Schicksal schildert. Die Hauptrolle wird dabei von Peter Flechtner verkörpert, der schon Ben Affleck oder Ralph Fiennes seine Stimme lieh. Flechner brilliert in dieser Produktion und schafft stetig den Spagat zwischen Frankensteins Aktionismus und seiner Hilflosigkeit. Seine Kreatur spricht Klaus-Dieter Klebsch, den deutsche Kinogänger als Gary Oldman oder Marlon Brando kennen. Hier kommt er gleichzeitig gequält und gefährlich rüber, er versieht der Kreatur sowohl Stärke und Unbeherrschtheit als auch ein kultiviertes und zivilisiertes Auftreten. Mal leidet man mit Klebsch, fürchtet ihn aber schon im nächsten Augenblick. Sehr angenehm ist auch der Musikanteil des Hörspiels, dessen Ursprung das Booklet aber leider verschweigt.

Fazit: Es fällt schwer, einer "Frankenstein"-Adaption neue Twists abzugewinnen. Die Erzählung existiert seit knapp 200 Jahren und wurde von der Unterhaltungsindustrie bereits unzählige Male verbraten und verkauft. Bedarf es da überhaupt einer weiteren Umsetzung der ohnehin altbekannten Schauermär? Sofern die Umsetzung so gut ist wie diese Version, kann die Frage gefahrlos bejaht werden! Titania Medien vertrauen ganz auf die Kraft des Originals und liefern damit, fernab von allen Hollywoodmonstern und Klischees, ein atmosphärisches Gruselstück, das selbst denen das Fürchten lehren kann, die den Roman zur Genüge kennen. Nicht, weil es neue Wege geht. Sondern weil es die alten Wege sehr treffend anzuwenden weiß.


Gruselkabinett 12 & 13: Frankenstein
Hörspiel nach dem Roman von Mary W. Shelley
Marc Gruppe
Titania Medien 2006
ISBN: 3785732511 / 378573252X
je 1 CDs, je 70 min., deutsch
Preis: je EUR 8,95

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