Die Trolle

Man kann sagen, was man will: Das Fantasy-Genre boomt derzeit auf dem Buchmarkt. Das zeigt beispielsweise die höchst erfolgreiche Reihe des Heyne-Verlags, die sich jeweils einzelnen Rassen der Fantasy gewidmet hat: Stan Nicholls ließ „Die Orks“ auf uns los, „Die Zwerge“ von Markus Heitz haben schon zwei Fortsetzungsabenteuer erlebt und über „Die Elfen“ von Bernhard Hennen konnte man auch schon mehr als ein Buch lesen. Mit Christoph Hardebusch reiht sich erstmals ein Debütant in die Reihe illustrer Namen ein. Die Protagonisten seiner Wahl: „Die Trolle“!

von Frank Stein

Hauer, Reißer, Menschenfresser

Im Lande Ardoly, das einst Wlachkis hieß, herrscht Krieg – und das gleich doppelt. Das Land der Wlachaken regiert Zorpad Dîmminu mit seinen Masriden mit eiserner Hand und die wenigen freien Seelen kämpfen einen verzweifelten Partisanenkrieg, um ihre Heimat nach Generationen der Besatzung endlich zu befreien. Unter der Erde führen derweil die Zwerge und Trolle einen erbitterten Vernichtungsfeldzug gegeneinander. Die Zwerge sehen durch die Trolle ihre Minen bedroht, die Trolle durch die Raffgier der Zwerge ihren Lebensraum.

Zwei Kämpfer für ihre Sache finden in Christoph Hardebuschs Roman zusammen: der junge, tapfere Rebell ?ten cal Dabrân, der zu Beginn in einem Metallkäfig sitzt, an dem ihn die Soldaten Zorpads zum Sterben im dunklen Wald aufgehängt haben, und der bedächtige Trollanführer Druan, der den Jungen aus seiner misslichen Lage befreit, als er und seine vier Kameraden zufällig vorbeikommen. Druan will herausbekommen, wie es die Magier der Menschen anstellen, die sich offenbar mit den Zwergen verbündet haben, dass die Erde selbst den Trollen zum Feind wird. ?ten sucht derweil Rache an Zorpad und plant die Geiseln zu befreien, die jener in seiner Feste gefangen hält – darunter ?tens Herzdame Viçinia cal Sare?. Obwohl die Trolle dem Menschlein misstrauen und der Wlachake die hünenhaften Wesen für viehische Monster hält, schließt man sich zeitweise zusammen, denn der Feind meines Feindes ist doch mein Freund. Oder?

Im Laufe der wechselhaften Geschichte, die sich aus diesem Zweckbündnis entspinnt, erwächst eine Art gegenseitiger Respekt, ?ten lernt die grausigen Totenriten der Trolle kennen, der dyrische Schreiber Sargan, der seltsamerweise hervorragend mit Dolchen umgehen kann, schließt sich der Gruppe an, ?ten Schwester Flores, die sie in der Stadt Teremi treffen, wandelt sich vom Mietschwert zur Patriotin, der Troll Roch entdeckt das Wunder der „Lautmalerei“ und Zorpad muss am Ende des Tages feststellen, dass die verfluchten Wlachaken, die einfach nicht totzukriegen sind, niemals aufhören werden, für ihre Freiheit zu kämpfen.

Die Abenteuer des jungen ?ten

Das Buch von Christoph Hardebusch heißt zwar „Die Trolle“, so ganz scheint der Autor aber der Zugkraft seiner wilden Protagonisten nicht getraut zu haben. Letztlich lernen wir nämlich nur fünf der gewichtigen Höhlenbewohner kennen, die sich durch eine höchst menschliche Welt schlagen. Dabei hätte man irgendwie erwartet, eher fünf Menschen kennen zu lernen, die sich in einem unterirdischen Reich der Trolle zurechtfinden müssen. Ein Großteil des Konflikts dreht sich indes um den jungen ?ten und seinen Freiheitskampf gegen den Unterdrücker Zorpad: ?ten wird zum Tode verurteilt, ?ten wird von den Trollen gerettet, ?ten entscheidet sich, diese nach Teremi zu bringen, ?ten will seine große Liebe retten und seinen Peiniger absetzen... Die hünenhaften Wesen mit dem aufbrausenden Temperament erwecken mitunter den Eindruck der (zugegeben wohlschmeckenden) Würze in einer ansonsten anthropozentrischen Fantasy-Mixtur – die damit auch jeden anderen Titel gehabt haben könnte.

Aber gut, diese menschliche Perspektive ist vermutlich sinnvoll, um dem Leser so etwas wie eine Identifikationsfigur zu geben, in deren Begleitung er die Ereignisse des Romans erlebt und mit deren Augen er die Fremdartigkeit der Trolle sehen kann. Obendrein bleiben die Wesen auf diese Weise geheimnisvoll und bedrohlich. Dennoch: Die Trolle zu den eigentlichen Zentralpersonen der Handlung zu machen und vielmehr das Treiben der Menschen aus ihren Augen zu beobachten und an ihren Wertvorstellungen zu messen, wäre mutiger gewesen – allerdings auch stilistisch radikaler. Vielleicht zu radikal für eine Fantasy-Reihe wie diese – Elfen und Zwerge, die in den vorangegangenen Bänden im Zentrum standen, sind uns dank ihrer Zivilisation schließlich bekanntlich näher, soll heißen einfacher zu „vermenschlichen“, als Furcht einflößende Trolle.

Einspruch, Euer Ehren!

Aber, damit mich hier niemand falsch versteht: Ob der Reihentitel nun Etikettenschwindel ist oder nicht, mag an anderer Stelle weiterdiskutiert werden, Tatsache ist, dass die Geschichte, die sich Christoph Hardebusch ausgedacht hat, höchst unterhaltsam zu lesen ist.

Zum einen gefällt das osteuropäisch angehauchte Setting, dass sich zwar im Wesentlichen aus Orts- und Personennamen speist, aber trotzdem eine angenehme Abwechslung bietet zu all den Romanen, die sich an König Artus‘ England, der skandinavischen Sagenwelt oder dem antiken Griechenland orientieren. Irgendwie gelingt es dem Autor auch, durch die Beschreibung der Siedlungen, der Landschaft und vor allem des herbstlichen Wetters eine schmuddelig-triste Atmosphäre zu erzeugen, über die sich nicht nur der zivilisierte Dyrier Sagan regelmäßig mokiert, sondern die auch unseren Vorstellungen eines ländlichen, mittelalterlichen Osteuropas entsprechen.

Zum anderen sind die beschriebenen Charaktere weitgehend frei von dem, was wir gemeinhin als Fantasy-Klischees bezeichnen (und wobei wir vermutlich an unsere eigenen Rollenspiel-Helden denken). Stattdessen umweht Protagonisten wie ?ten, Natiole und Viçinia ein Hauch von schmutzigem Realisimus. Ihr Leiden wirkt nachvollziehbar, ihr Kampf oft ebenso verzweifelt wie fruchtlos. Überraschend sind die Zwerge diesmal richtig fiese Zeitgenossen: geldgierig, militaristisch, bösartig. Nur in eine Falle tappt der Autor wie so viele andere vor ihm schon: Der gemeine Wachsoldat ist nach wie vor der dumme August und für einen rechten Helden sind auch zehn der behelmten Blechkameraden keine Gegner – als würde man im Untergrund grundsätzlich weitaus besser ausgebildet als bei der Armee.

Und um noch einmal auf die titelgebenden Trolle zurückzukommen: Man muss dem Autor ohne Abstriche zugestehen, dass er sich Mühe gibt, die Trolle nicht einfach zu großen, tumben Menschen zu machen. Vielmehr zeichnet er sie als unnahbare Eigenbrödler und lässt ihrer monströsen, erschreckenden Seite gerade in Kampfsituationen freien Lauf. Auch sonst erhält man – zumindest kursorisch – Einblick in eine ganz andere Kultur, in der materielles Hab und Gut etwa keine Rolle spielt und das Verspeisen gefallener Kameraden zum guten Ton gehört. Allerdings hätte man sich hiervon dann doch ein bisschen mehr gewünscht. So erfährt man überhaupt nichts über die normale Lebensweise der Trolle in den Tiefen der Berge, wenig über ihre Familienstrukturen und über die Legenden, die sie sich erzählen. Hier ist noch einiges Material für die bereits geplante Fortsetzung vorhanden...

By the Way – und völlig unabhängig von der Geschichte: Warum endet die Fantasie der Marketingleute bei den großen Verlagen eigentlich neuerdings ständig bei Harry Potter und J. R. R. Tolkien. Kein Fantasybuch für Kinder, von dem es nicht heißt „Alle die Harry lieben, sollten auch das hier kaufen.“ (und sei es noch so ein Klassiker der Genreliteratur!), kein Fantasybuch für Erwachsene, auf dessen Rücken nicht die Worte prangen „episch wie Tolkien, toll wie Tolkien, voll im Sinne Tolkiens“. Hallo?! Das Fantasy-Genre endet nicht bei diesen zwei bekannten Franchises (ich benutze absichtlich das böse Wort). Es fängt dort gerade erst an. Und neue Autoren ihres eigenen Werts zu berauben, indem man ihre Werke völlig sinnfrei mit Hogwards und Mittelerde in Bezug setzt (auch wenn beide Worte auf 500 Seiten kein einziges Mal fallen), ist einfach unfair – und für mich schon lange kein Kaufanreiz mehr. In diesem Sinne: Christoph Hardebuschs „Die Trolle“ haben mit Tolkien ABSOLUT nichts zu tun, ganz gleich was der Klappentext behauptet. Sie sind etwas völlig eigenes. Und trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) eindeutig lesenswert!

Fazit: Wer glaubt, dass der Debütroman „Die Trolle“ von Christoph Hardebusch weniger taugen würde, als die von namhaften Genre-Größen verfassten anderen Bände der „Fantasyrassen“-Reihe aus dem Heyne-Verlag, der irrt. Obwohl man sich stellenweise mehr Troll und weniger Mensch gewünscht hätte (siehe Romantitel), merkt man der Geschichte überall an, dass sich Hardebusch als gestandener Rollenspieler sehr viele Gedanken zu seiner Welt und seinen Protagonisten gemacht hat. Unter uns: Neben Heitz‘ Zwergen stehen für mich Hardebuschs Trolle ganz vorne im munteren Reigen der magischen Völker!


Die Trolle
Fantasy-Roman
Christoph Hardebusch
Heyne 2006
ISBN: 3-453-53237-6
767 S., Paperback, deutsch
Preis: EUR 14,95

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