Das Nimrod-Projekt

Auf den ersten Blick lässt sich die Handlung in einem Satz erzählen: Ein künstlich geschaffenes Wesen, die perfekte Kampfmaschine, entkommt aus seinem Entwicklungslabor und die Verantwortlichen müssen sich schleunigst darum kümmern, das Konstrukt unschädlich zu machen. Aber das ist nur der Plot des Romans „Das Nimrod-Projekt“ von Charles Sheffield – nicht der Inhalt.

von Bernd Perplies

Charles Sheffield war ein britisch-amerikanischer Mathematiker und Physiker, bevor er – wie es heißt angeregt durch Larry Nivens „Ringwelt“ – 1977 begann, Science-Fiction-Romane zu schreiben. Allgemein wird der 2002 verstorbene Autor aufgrund seines naturwissenschaftlichen Hintergrunds der Hard-Science-Fiction-Strömung zugeschrieben. Doch tatsächlich interessierten ihn weniger technische Errungenschaften als eine zukünftige menschliche Gesellschaft im Angesicht fremdartiger oder hausgemachter Bedrohungen.

„Das Nimrod-Projekt“, bereits 1993 unter dem englischen Originaltitel „The Mind Pool“ erschienen und der interessante Fall einer vom Autor selbst betriebenen, kompletten Neubearbeitung des 1986 veröffentlichen Romans „The Nimrod Hunt“, spiegelt diese Einstellung im Kleinen wieder. Die Bedrohung ist hier ein künstlich geschaffenes Konstrukt, genannt das Morgan-Konstrukt, nach seiner Schöpferin Livia Morgan, das ursprünglich dafür eingesetzt werden sollte, die Peripherie des bekannten stellaren Raums vor unbekannten Gefahren von außen zu beschützen. Dazu wurde dem Geschöpf höchste Autonomie im Handeln und höchste Effizienz im Kampf angezüchtet. Entsprechend panisch sind die Regierungen der drei in Harmonie mit der Menschheit lebenden Alien-Rassen der Stellar-Gruppe.

Die röhrenförmigen Pipe-Rilla, die Tinker-Komposita, eine Rasse aus Käfer-Schwarmintelligenzen, und die Pflanzen-Symbionten, die als Engel bekannt sind, fordern von den Menschen, ihre entflohene Tötungsmaschine wieder einzufangen. Dazu sollen mehrere Jagdeinheiten, bestehend aus jeweils einem Mitglied aller vier Rassen der Stellar-Gruppe, gebildet werden. Die beiden Männer, die einst die „Operation Morgan“ ins Leben riefen und daher für deren Scheitern verantwortlich gemacht werden, Luther Brachis und Esro Mondrian, ihres Zeichens für die innere und die äußere Sicherheit zuständig, sollen die Teams leiten.

An diesem Punkt beginnt sich die Handlung in mehrere Einzelschicksale aufzusplitten. Denn die Ausbildung der Verfolgerteams – beispielhaft werden Team Alpha und Team Ruby hervorgehoben – bildet nur das Handlungsgerüst, innerhalb dessen sich die Schicksale von Sheffields Protagonisten entfalten. So legt sich der burschikose Luther Brachis mit dem Genetiker Fujitsu an, der ihm nach seinem Tod mit Kopien seiner selbst das Leben schwer macht. Und Esro Mondrian, der alles und jeden um sich herum manipuliert, wenn es seinen Zwecken dient, begibt sich auf die anstrengende Suche nach der Quelle einer drängenden Angst, die ihn in der Tiefe seiner Seele quält.

Neben diesen beiden steht schließlich noch Chan Dalton im Fokus der Geschichte, ein debiler junger Mann aus den unterirdischen Slumstädten einer längst von allen zivilisierten Menschen verlassenen Erde, der mit seiner Pflegerin und Freudin Leah von Esro Mondrian gekauft wird, damit beide als menschliche Teilnehmer in den Jagdteams der Stellar-Gruppe dienen können (Esro hatte zuvor mit Luther gewettet, dass er sogar aus Erdenmenschen die perfekten Jäger machen könne). Auf experimentelle Weise von seiner Geistesstörung geheilt, muss sich Chan nicht nur in der Welt der Menschen zurechtfinden, sondern wird auch schon bald mit den fremdartigen Persönlichkeiten seiner Jagdgefährten konfrontiert – bevor er sich der Herausforderung der Jagd auf das Morgan-Konstrukt selbst stellen muss.

Sheffields Universum ist ein Hort der Ideen, eine lebendige Welt, die einerseits von fantastischen Technologien, exotischen Außerirdischen und überraschenden gesellschaftlichen Entwicklungen beherrscht wird, in der die Menschen aber andererseits nach wie vor mit den gleichen alten Problemen – Liebe, Neid, Angst und Ehrgeiz – zu kämpfen haben. Gleichermaßen zynisch und nicht ohne die Schadenfreude eines moralisch fühlenden Autoren fällt Sheffields Fazit der Geschichte aus – es sind eher die selbstlosen oder ausgebeuteten Nebenfiguren, denn die manipulativen Macher, denen er ein Happy-End gönnt. Oder eine Art Happy-End.

Fazit: „Der Weg ist das Ziel“, lautet ein gängiges Sprichwort. Wer mit dieser Einstellung „Das Nimrod-Projekt“ angeht, wird an dem Buch seine helle Freude haben. Denn weder die Handlung noch das Finale nehmen sich sonderlich spektakulär aus. Doch dafür vermag die zukünftige Welt, die Charles Sheffield entwirft, in all seinen Facetten zu faszinieren. Ein Roman für Science-Fiction-Genießer, denen die Details der präsentierten Welten wichtiger sind, als jeder vordergründige Plot.


Das Nimrod-Projekt
Science-Fiction-Roman
Charles Sheffield
Bastei Lübbe 2008
ISBN: 978-3-404-24374-7
557 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 8,95

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