Das letzte Einhorn & Zwei Herzen

„Das Einhorn lebte in einem Fliederwald, und es lebte ganz allein.“ So beginnt eine der ganz großen modernen Märchengeschichten der Fantasy, „Das letzte Einhorn“ von Peter S. Beagle. Bereits 1968 erstmals erschienen und 1982 als erfolgreicher Zeichentrickfilm adaptiert, war die Geschichte vom Einhorn, das seine Artgenossen sucht, so erfolgreich, dass Beagle mit „Zwei Herzen“ 2005 noch eine viele Jahre später angesiedelte Kurzgeschichte nachreichte. Beide Werke sind in der neuen Hardcoverausgabe von Klett-Cotta enthalten.

von Bernd Perplies

Es wird wohl kaum einen Fantasy-Fan geben, der noch nicht von diesem Buch gehört hat – und sei es über den Umweg der von Jules Bass und Arthur Rankin, Jr. realisierten Zeichentrickverfilmung, die nicht zuletzt durch ihre eingängige, von Jimmy Webb geschriebene und der Gruppe America eingespielte Musik berühmt wurde. Obgleich es vielleicht das einzige Werk seines Autors ist, das international und auch nach Jahrzehnten noch bekannt ist, gehört es neben Titeln wie J.R.R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“, Marion Zimmer Bradleys „Die Nebel von Avalon“, William Goldmans „Die Brautprinzessin“ oder Ursula K. LeGuins „Erdsee“ zweifellos zu den wichtigen Klassikern des Genres.

Die Rede ist natürlich von „Das letzte Einhorn“, Peter S. Beagles wundervoller Erzählung von einem unsterblichen Zauberwesen, das zufällig mithört, wie zwei Jäger sich darüber unterhalten, dass alle Einhörner aus der Welt verschwunden seien, und das daraufhin loszieht, um zu erfahren, wohin sie entschwunden sind. Auf seiner Reise hört es die Legende vom Roten Stier, der alle Einhörner jagte, es gerät es in Gefangenschaft der Hexe Mammy Fortuna, die einen heruntergekommenen Mitternachtszirkus betreibt, es trifft auf den glücklosen Zauberer Schmendrick und die Räuberbraut Molly Grue, die sich ihm beide anschließen, und schließlich erreicht es mit seinen neuen Freunden die Burg des grimmigen König Haggard und seines edelmütigen Ziehsohnes Lír. Hier wird es die Liebe finden, ebenso wie furchtbaren Schrecken, und es wird das Geheimnis der verlorenen Einhörner lüften.

„Zwei Herzen“ spielt viele Jahre später und wird aus der Sicht des neunjährigen Mädchens Sooz erzählt. Dessen Dorf wird von einem Greifen heimgesucht, und obwohl ihre Eltern es ihr verbieten, zieht Sooz los, um zur Burg des berühmten König Lír zu reisen und ihn zu bitten, das Untier zu töten. Unterwegs trifft Sooz auf ein kurioses, Lesern des „Einhorns“ nicht ganz unbekanntes Paar, und mit ihnen gemeinsam erreicht sie wirklich die Königsburg. Doch der alte Herrscher hat sich verändert. Er hat seine Träume verloren – und seine Liebe. So bedarf es einiges an Überredungskunst, bevor er bereit ist, eine letzte große Heldentat zu vollbringen.

Beagles Geschichten sind keine strahlenden Fantasy-Epen. Es werden keine gewaltigen Schlachten geschlagen, und es gibt keine Reiche unter der Erde oder in den Tiefen der Wälder. Vielmehr haftet beiden Werken, sowohl der langen Erzählung, als auch der kurzen, ein Hauch des Beschaulichen und Märchenhaften an, und gerade aus dieser etwas leiseren Erzählform ziehen sowohl „Das letzte Einhorn“ als auch „Zwei Herzen“ ganz beträchtlich ihren Charme. Es ist eine irgendwie mittelalterlich-magisch anmutende, aber im Grunde doch seltsam zeit- und ortlose Umgebung, in der sich mehrere persönliche „Heldenreisen“ vollziehen, die, gleichermaßen durchsetzt von augenzwinkernden, berührenden und dramatischen Momenten, dazu dienen, dass ihre Protagonisten sich selbst und die Welt um sich herum besser verstehen. Diese Universalität der Handlung trägt ebenso wie die einfache, klare, poetische Sprache Beagles dazu bei, dass „Das letzte Einhorn“ – und seine Begleitgeschichte „Zwei Herzen“ – auch heute noch wunderbar zu unterhalten wissen.

Fazit: „Das letzte Einhorn“ ist ein wundervolles Märchen für alle, die Fantasy auch ohne epische Schlachten und tolkiensche Völker mögen. Mit der neuen Hardcoverausgabe, die neben einem geschmackvollen Cover zudem die Kurzgeschichte „Zwei Herzen“ enthält, legt Klett-Cotta die bis dato schönste Ausgabe dieses Fantasy-Klassikers vor. Würde es mich auf die berühmte einsame Insel verschlagen und ich dürfte nur drei Fantasy-Bücher dorthin mitnehmen, wäre „Das letzte Einhorn“ von Peter S. Beagle eines davon.


Das letzte Einhorn & Zwei Herzen
Fantasy-Roman
Peter S. Beagle
Klett-Cotta 2009
ISBN: 978-3-608-93872-2
304 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 19,90

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