Bite Club 1

Vampirzähne sind in aller Munde – um mit einem schlechten Wortspiel einzusteigen. Die attraktiven Blutsauger und Blutsaugerinnen verführen junge Mädchen an der Highschool, machen die Großstadt unsicher, wie ihre sterblichen Pendants in „Sex in the City“ und gelegentlich geben sie Interviews (aber das ist schon ein paar Jahre her). In „Bite Club“, dem Panini-Beitrag zum Vampir-Hype, beherrscht ein Spitzzahn-Clan die Unterwelt Miamis, gegen den Marlon Brandos „Pate“ wie ein Chorknabe aussieht.

von Frank Stein

Leto del Toro ist mit einer Familie geschlagen, die wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Die Del Toros sind ein Clan von Vampiren, der bereits seit fast einem Jahrhundert das organisierte Verbrechen in Miami beherrscht. Drogen, Prostitution, Schutzgelderpressung – das ganze Programm. Dabei sind die Familienmitglieder mit Geld, gutem Aussehen, außergewöhnlichen Kräften und praktisch der Unsterblichkeit gesegnet. Leider haben sie alle echt hässliche Psychosen.

So ist Letos Schwester Risa nur auf der Suche nach Sex und Thrill, der Sohn seines Bruders Eddie, Danny, testet seine Grenzen aus, indem er Penner anzündet und über deren Leiche Marshmallows brät, und Cousin Victor, ein brutaler Kleiderschrank, hat ein Verhältnis mit der Mutter der drei Geschwister. Der Consigliere Zephraim Klein schließlich ist ein intriganter alter Sack. Kein Wunder, dass dieser Sündenpfuhl den anständigen Leto buchstäblich ins Kloster treibt. Er wird katholischer Priester – der einzige Vampir-Priester überhaupt.

In der Welt von „Bite Club“, einer Schöpfung der Autoren Howard Chaykin und David Tischmann sowie dem Zeichner David Hahn, ist das möglich. Denn Vampire sind keine Untoten – obwohl sie durchaus Monster sein können. Stattdessen ist der Vampirismus eine Infektionskrankheit nach dem Biss einer südamerikanischen Vampirfledermaus. Selten, aber immerhin häufig genug, dass Vampire mittlerweile eine weitere Minderheit im Melting Pot der Vereinigten Staaten darstellen. 300.000 leben alleine in Miami.

Einer von ihnen jedoch verliert gleich zu Beginn des Comics sein Leben. Dummerweise handelt es sich dabei um Eduardo del Toro, das Oberhaupt des Clans und der Verbrecherorganisation. Doch sein letzter Wille macht nicht einen der gierigen Hinterbliebenen zu seinem Nachfolger, sondern den integren Leto, der fürderhin in einer schweren Glaubenskrise steckt: Soll er den Weg des Paters einschlagen – oder den des Paten? Oder vermag er gar die Del Toros auf den Weg der Tugend zurückzubringen? (Bitte lachen Sie jetzt.)

„Bite Club 1“ versammelt die kompletten sechs Ausgaben der ersten Mini-Serie des unmoralischen Cross-Overs, der Vampirmythos mit Mafiasaga zusammenführt. In sehr klassischer Panelstruktur und in gradlinigen, ästhetischen Bildern, die mit interessanten Farbfiltern unterlegt sind, taucht die Geschichte in eine komplexe Welt ein, in der nichts als Macht, Sex und Gewalt zählen. Entsprechend hat die Handlung auch wenig mit den düster-romantischen oder flippig-schnippischen Modern Vampire Tales zu tun, die im Augenblick Frauenherzen quer durch die Literaturlandschaft höher schlagen lassen.

Nein, hier geht es auf beinahe jeder Seite richtig zur Sache. Es wird gemordet, gevögelt, intrigiert und höchst vulgär über Sachen gesprochen, die prüden Menschen allein beim Hören die Schamesröte ins Gesicht treibten würde. „Bite Club“ ist folglich kein Comic für Kinder – aber das sollte nach dem Cover bereits klar sein, auf dem Protagonistin Risa übrigens deutlich aufgedunsener und hässlicher wirkt, als auf den Innenseiten des 140-seitigen Klappbroschurbandes.

Fazit: „Die Sopranos“ in einer „World of Darkness“ – hart, sexy und völlig amoralisch. Ein Comic, den man verschlingt und genießt, auch wenn nahezu alle Protagonisten echte Mistkerle sind (und die eine Ausnahme echt zu bedauern ist). Call it a guilty pleasure. Für alle Freunde guter Mafiafilme auf jeden Fall zu empfehlen. Leserinnen von Werken wie „Verliebt in einen Vampir“ oder „Kein Vampir für eine Nacht“ sollten allerdings einen weiten Bogen um die Del Toros machen.


Bite Club 1
Comic
Howard Chaykin, David Tischmann, David Hahn
Panini Comics 2008
ISBN: 978-3866076471
140 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 16,95

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