Aldebaran

„Aldebaran“ ist ein aus 5 Comic-Bänden bestehender Science-Fiction-Zyklus des Autors und Zeichners Leo, der uns in eine gar nicht so ferne Zukunft führt. Den ersten Band „Die Katastrophe“ wollen wir uns näher anschauen.

von Morgath

Gegen Ende des 21. Jahrhunderts ist die Menschheit in die Tiefen des Weltraums vorgedrungen und beginnt, diesen zu besiedeln. Die erste Kolonie wird im Sonnensystem Aldebaran auf Aldebaran-4 gegründet, einem erdähnlichen Planten, der überwiegend von Wasser bedeckt ist. Kurz nach der Landung bricht jedoch der Kontakt zur Erde ab (warum, erfährt der Leser noch nicht). Seitdem sind die Kolonisten auf sich allein gestellt. In einer fremden Umgebung mit einer faszinierenden Tier- und Pflanzenwelt beginnen sie eine neue Heimat aufzubauen. Etwa 100 Jahre später ist ein funktionierender Staat entstanden, der allerdings starke diktatorische Züge aufweist. Noch immer sind weite Teile der Flora und Fauna unerforscht. Noch immer besteht kein Kontakt zur Erde.

Just zu dieser Zeit passieren in einem entlegenen Fischerdorf seltsame Dinge. Die täglichen Fischerfahrten bleiben erfolglos. Seltsame Kreaturen verlassen ihren Lebensraum in den Tiefen des Ozeans und kommen an Land, wo sie sterben. Aus dem Ozean kann man unbekannte Gerüche und Geräusche wahrnehmen. Die Dorfbewohner sind beunruhigt. Dann taucht noch ein Fremder auf und warnt sie vor einer drohenden Katastrophe. Er fordert sie zur eigenen Sicherheit auf, das Dorf zu verlassen. Natürlich hören Sie nicht auf ihn und natürlich kommt es zu Katastrophe. Wie diese aussieht, soll jedoch nicht verraten werden.

Im Mittelpunkt dieser Geschichte stehen mehrere junge Menschen, allen voran der siebzehnjährige Marc Sorensen und die dreizehnjährige Kim Keller. Marc ist kein Junge mehr, aber auch noch kein Mann, selbst wenn er sich gerne erwachsen gibt. Kim ist ein Naseweis, die alles besser weiß und sich in einer aufmüpfigen Phase des Erwachsenwerdens befindet. Beide kommen eigentlich nicht sonderlich gut miteinander aus. Doch von einem auf den anderen Tag werden sie mit Ereignissen konfrontiert, die ihre Fähigkeiten übersteigen und sie dazu zwingt zusammenzuhalten. In einer sich verändernden Welt müssen sie unbekannten Gefahren trotzen, während sie selber den Veränderungen des Erwachsenwerdens unterworfen sind.

„Aldebaran“ beziehungsweise „Die Katastrophe“ stammt aus der Feder wie auch aus dem Zeichenstift von Leo, einem brasilianischen Ingenieur, der seit 1981 in Frankreich lebt und inzwischen Comics macht. Der vorliegende Band ist bereits im Jahr 1994 in Frankreich erschienen, doch merkt man dem Science-Fiction-Werk das Alter kaum an. Zu aktuell und zu allgemeingültig sind die Themen.

Leo steht für intelligente Science-Fiction. Seine Geschichten sind gut durchdacht, sowohl was die Welt und die Gesellschaft als auch die Charaktere angeht. In „Die Katastrophe“ beginnt er auf langsame Art und Weise die Bühne für ein großes Spektakel aufzubauen. Der Leser wird zunächst mit der seltsamen Flora und Fauna vertrauter gemacht, dann mit den wichtigsten Figuren und schließlich verlagert sich das Geschehen von dem beschaulichen Fischerdorf in die „Zivilisation“, wo man die ersten Züge der gesellschaftlich Ordnung mitbekommt. Das Bild, das er von der neuen Welt entwirft, wirkt sehr stimmig. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Selbst technischen Details wissen zu überzeugen. So dringt der Leser immer tiefer in eine faszinierende Welt ein. Am Ende von Band 1 ist noch vieles unklar. Es bleiben zahlreich Fragen unbeantwortet, doch ist dies nicht als Kritik zu verstehen, sondern als geglückter Spannungsbogen, der Lust auf mehr macht.

Der Zeichenstil ist zugegebenermaßen Geschmackssache. Vor allem die Tiere sind teilweise sehr bizarr und daher gewöhnungsbedürftig. Um ehrlich zu sein, hat mich der Zeichenstil jahrelang davon abgehalten, einen Comic von Leo zu lesen. Zum Glück tat ich es eines Tages doch, denn Leo schreibt mit die besten Science-Fiction-Comics, die ich kenne. Seine Geschichten haben eine erfreuliche Tiefe und wer intelligenten Science-Fiction dem actionreichen Geballere im Weltall vorzieht, für den führt eigentlich kein Weg an Leo vorbei. Man gewöhnt sich übrigens auch schnell an den Zeichenstil und weiß die skurrilen Darstellungen bald zu schätzen.

Der Comic ist beim Splitter-Verlag erschienen und damit ist über die Aufmachung eigentlich auch schon alles gesagt: ein schöner, qualitativ hochwertiges Hardcover. Für die Neugierigen sei gesagt, dass Band 2 ebenfalls schon erschienen ist. Die restlichen Bände sollen spätestens 2018 erscheinen. Nachdem bereits mehrere Zyklen von Leo vollständig bei Splitter erschienen sind, u. a. „Antares“, „Überlebende“ oder „Namibia“, ist nicht zu befürchten, dass die Serie unvollständig bleibt.

Fazit: „Aldebaran“ ist eine tolle Science-Fiction-Geschichte, dir durch „Die Katastrophe“ ihren Anfang nimmt und langsam aufgebaut wird. Noch bleibt vieles im Dunklen und als Leser fragt man sich, was hinter allem steckt, doch gerade das macht es umso spannender, dranzubleiben und sich auf die restlichen Bände zu freuen. „Die Katastrophe“ ist eine klare Kaufempfehlung für alle, die gute Science-Fiction-Geschichten mögen.

Aldebaran 1: Die Katastrophe
Comic
Leo
Splitter Verlag 2017
ISBN: 9783958395725
52 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 14,80

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