Abenteuer in Kaphornia 01 – Lugg und Trug

Die „Kaphornia“-Abenteuerspielbücher von Ulisses Spiele haben es sich zur Aufgabe gemacht, Neulinge und Quereinsteiger in die Welt der Rollenspiele einzuführen. Einfache Regeln, eine straff geführte Handlung und eine absolut generische Hintergrundwelt sollen dabei helfen. So verspricht dann auch das Backcover:„Lugg und Trug ist ein vollständiges Spiel, das Ihnen und 3 bis 4 Freunden drei Stunden humorvoller, abenteuerlicher Unterhaltung bietet – und das für den Preis einer einzelnen Kinokarte!“ Doch auch als kurzer, unterhaltsamer Zwischenstopp für bestehende Rollenspielgruppen soll das Buch herhalten können. Hält „Abenteuer in Kaphornia 01“, was es verspricht?

von André Frenzer

Der Autor des Buches, Christian Lonsing, ist in der Fantasy-Szene schon seit Jahren kein Unbekannter mehr. Sein Werk „Abenteuer in Kaphornia 01“ enthält nun auf 96 Seiten alles Notwendige: einen Regelteil, vorgefertigte Charaktere, ein komplettes Szenario, Tipps für den Spielleiter und einen Haufen ausschneidbarer Anhänge, die für ein wenig Haptik am Spieltisch sorgen sollen.

Einer kurzen Einführung in das Buch schließt sich ein 18-seitiger Regelteil an. Da auf Regeln für Charaktererschaffung verzichtet wurde und stattdessen auf eine große Auswahl von vorgefertigten Charakteren gesetzt wird, reichen diese 18 Seiten auch tatsächlich völlig aus: jeder Held besitzt eine Anzahl von Fertigkeiten wie Körperkraft, Laufen oder Wissen. Jeder dieser Fertigkeiten wird eine bestimmte Anzahl Würfel zusortiert: der Barbar erhält etwa viele Würfel auf Körperkraft, während der Magier einen höheren Wert in Wissen besitzt. Im Verlaufe des Szenarios werden nun regelmäßig Proben gegen diese Fertigkeiten fällig. Dafür wird eine Menge sechsseitige Würfel – die dem Wert in der Eigenschaft entspricht – geworfen. Jedes Ergebnis von 5 oder 6 zählt als Erfolg, eine Mindestanzahl von Erfolgen muss erreicht werden. Kämpfe verhalten sich ganz ähnlich: Alle Helden verfügen über Angriffs- und Verteidigungswerte, die wiederum einer gewissen Anzahl von Würfeln entsprechen, die 5en oder 6en zeigen müssen, um als Erfolg zu gelten. Überschreitet der Angriffswurf den Verteidigungswert des Gegners, verliert dieser einen Ausdauerpunkt. So weit, so simpel.

Die Regeln werden nun noch ein wenig mit Schicksalspunkten aufgepeppt. Jeder Charakter erhält zu Spielbeginn eine gewisse Menge Schicksalspunkte, die er einsetzen kann, um eigentlich misslungene Aktionen noch in einen Erfolg zu verwandeln. Wird ein Schicksalspunkt eingesetzt, darf der entsprechende Spieler noch einmal drei sechsseitige Würfel werfen, um seine Anzahl an Erfolgen zu erhöhen. Doch auch der Spielleiter kann Schicksalspunkte einsetzen, um größere und gemeinere Gefahren auf die Spieler loszulassen.

Die nächsten 16 Seiten werden von acht vorgefertigten Charakteren eingenommen. Leider wird hierbei nahezu jedes Klischee bedient, dass man sich vorstellen kann: vom tumben, aber starken Barbaren über den hakennasigen Zauberer, von der Fee mit Schmetterlingsflügeln bis zum bärbeißigen, drachenjagenden Zwerg. Etwas mehr Tiefgang wäre hier wünschenswert gewesen, auch und insbesondere, wenn sich das Werk wirklich als Einstiegshilfe in die Welt der Rollenspiele verstehen will.

Es schließt sich nun das eigentliche, 40 Seiten umfassende Szenario an. Es beginnt mit der Ankunft der Helden in Kaphornia, wo sie auch gleich von einem Drachenautomaten angegriffen werden. Nachdem sie das metallische Scheusal in seine Einzelteile zerlegt haben, erhalten Sie vom örtlichen Adel den Auftrag, einen echten Drachen für den städtischen Zoo aufzutreiben. Da eine große Menge Gold und Heiltränke als Belohnung winkt, macht sich die Gruppe dann auch gleich auf den Weg – einen Weg voller Gefahren und merkwürdiger Begegnungen …

Der Großteil des Szenarios ist als Vorlesetext aufgebaut, wann eine Probe fällig wird, ist fett markiert. Das macht es dem Einsteiger-Spielleiter natürlich vorbildlich leicht, das Szenario zu leiten. Das Abenteuer ist in fünf Akte aufgeteilt und verzichtet interessanterweise – ganz ähnlich wie das Medium Film – auf Reiseszenen. Wie die Charaktere von A nach B kommen, wird nicht einmal erwähnt. Stattdessen heißt es „Schnitt“ und „nächster Akt“. Dadurch kommt keine Ruhepause auf und das Tempo wird hoch gehalten.

Der nun folgende Anhang setzt sich aus einer Liste mit magischen Gegenständen, einem Spielbeispiel und einem Haufen Markern, die ausgeschnitten werden können, zusammen. Außerdem findet sich eine kurze Vorstellung weiterer Spielsysteme, die für nun am Rollenspiel Interessierte vorgeschlagen werden, wobei natürlich nur hauseigene Systeme vorgestellt werden. Hier hätte ich mir ein wenig mehr Platz für mehr Text gewünscht, bleibt die Beschreibung doch sehr kurz und knapp.

Der gesamte in Schwarz-Weiß gehaltene Band ist ordentlich gestaltet. Die Zeichnungen haben einen eher comic-artigen Stil. Leider wissen sie nicht wirklich zu überzeugen, und leider sind nur sehr wenige Bilder in dem Buch vorhanden (sieht man von den Charakterporträts einmal ab). Gerade Einsteigern helfen Bilder meines Erachtens natürlich dabei, sich richtig in eine Szene hineinzuversetzen. Schriftbild und -größe sind gut lesbar, das Buch ist gut gegliedert und die Regeln verständlich erklärt.

Fazit: „Abenteuer in Kaphornia 01 – Lugg und Trug“ ist mit zweierlei Ansprüchen gestartet: neue Spieler an das Hobby Rollenspiel heranzuführen, aber auch ein unterhaltsamer Pausenfüller für bestehende Rollenspielgruppen zu sein. Leider ist beides nur mittelmäßig gelungen: Einsteiger erhalten zwar einfache Regeln, ein überschaubar, einfaches Szenario und einen Haufen Vorlesetexte; allerdings bleibt über all der Würfelei die Charakterdarstellung natürlich völlig auf der Strecke. Die Interaktion mit Nichtspielercharakteren beschränkt sich auf sehr knappe Dialoge. Das sage ich aber natürlich als jahrelang aktiver Rollenspieler: Einsteigern mag das nicht so erscheinen, und Spaß macht die Drachenhatz sicher allemal. Bestehende Rollenspielgruppen sollten schon einiges an Humor mitbringen, um noch Lust darauf zu verspüren, den tumben Barbaren oder singenden Edelmann ins Feld zu führen. Außerdem ist für sie das Szenario einfach zu kurz und zu eindimensional.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist für Einsteiger und Neugierige völlig in Ordnung, sodass hier eine glatte Kaufempfehlung gilt – insbesondere, weil im Internet einiges Zusatzmaterial für weitere Abenteuer in Kaphornia zur Verfügung steht. Erfahrene Rollenspieler sollten als Lückenfüller für ausfallende Spielabende besser zu anderen Alternativen greifen.


Abenteuer in Kaphornia 01 – Lugg und Trug
Abenteuer
Christian Lonsing
Ulisses Spiele 2012
ISBN: 978-3-86889-195-9
96 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 9,95

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