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Die Glasbücher der Traumfresser
Bücher, Urban Fantasy 27.07.10

Im Buchladen machte mich die wunderschöne indigoblaue Aufmachung im Stil der vorletzten Jahrhundertwende auf den Inhalt der „Traumfresser“ neugierig. Der Titel versprach ungewöhnliche Fantasy, und die Story schien mir vielversprechend. Alles gute Gründe dafür, den 900-Seiten-Schmöker mit nach Hause zu nehmen und es sich bei tiefsten Winterwetter im Lesesessel bequem zu machen.

von  Katja Angenent

Und wenn man es sich einmal gemütlich gemacht hat, ist an ein Loskommen so schnell nicht zu denken, denn die Geschichte zieht unweigerlich in ihren Bann. Alles beginnt mit der Schilderung einer jungen Frau, Celeste Temple, die offensichtlich um die Jahrhundertwende in London lebt (obwohl der Name der Stadt nicht genannt wird und die Welt im Roman natürlich nicht die reale widerspiegeln möchte, sind die Parallelen nicht zu übersehen). Zunächst irritiert der umständliche viktorianische Sprachstil, an den man sich jedoch mit fortlaufender Handlung schnell gewöhnt.

Celeste hat sich vor kurzem verlobt, doch nun hat ihr Verlobter die Verbindung ohne Erklärung gelöst. Nach zwei Tagen, die Ms. Temple mit Weinen und Selbstmitleid verbringt, beschließt sie, ihr Schicksal nicht ohne Weiteres hinzunehmen und ihren Ex-Verlobten zu beschatten, um den Grund für die Auflösung des Bündnisses herauszufinden. Das ist der Moment, in dem Ms. Temple meine uneingeschränkte Sympathie gewinnt, denn das Unterfangen ist für eine junge viktorianische Frau so aberwitzig, dass nur noch mitfiebern hilft.

Es gelingt ihr, den Treulosen bis zu einem Bahnhof zu verfolgen und in den Zug zu gelangen, in dem auch er reist. Doch in diesem Zug geht Merkwürdiges vor: Sämtliche Reisende sind maskiert, über allem liegt eine Aura der sexuellen Erregung und niemand scheint über das kommende Ereignis reden zu wollen. Celeste kann sich der merkwürdigen Gesellschaft anschließen, deren Ziel ein zum Herrensitz umgebautes Gefängnis namens Harshmort Manor auf dem Land ist. Sie gerät dort unfreiwillig zur Akteurin einer obskuren Vorführung und ihre Weigerung, mitzumachen, lässt sie schließlich als Spionin auffliegen (ein Schelm, wer hier an Schnitzlers „Traumnovelle“ denkt). Mit dieser Szene hat der Roman dann endgültig das Tempo aufgenommen, dass er nun bis auf wenige Ausnahmen konsequent die nächsten 850 Seiten durchhält. Celeste soll wegen ihres verbotenen Wissens umgebracht werden. Es gelingt ihr jedoch, die beiden Handlanger der Verschwörung zuerst auf höchste brutale Weise kaltzustellen und anschließend zurück in die Stadt zu fliehen.

Dort wird der bekannte Auftragsmörder Chang einige Tage später damit beauftragt, Ms. Temple vom Leben zum Tode zu befördern. Chang ist ein verhinderter Intellektueller und vom Schicksal gezeichneter Gesetzloser. Im Jahr 2070 würde er einen perfekten Shadowrunner abgeben. Seine Queste ist von Anfang an durch viel Blut und noch mehr Action gekennzeichnet, und diese erste Begegnung mit Chang hat mein Rollenspielherz höher schlagen lassen. Nach einer rasanten Verfolgungsjagd trifft er mit Celeste zusammen. Statt sie zu töten, verbündet er sich jedoch mit ihr.

Zusammen begegnen Sie einem alternden Geheimagenten, Dr. Svenson, dem die Verschwörung von Harshmort Manor den Mann entführt hat, auf den er eigentlich hätte aufpassen müssen. Die ungleiche, aber durchaus charmante Heldengruppe beschließt, auf eigene Faust herauszufinden, was es tatsächlich mit den mysteriösen Büchern aus blauem Glas und den Transformationen in Harshmort Manor auf sich hat. Dies ist der Moment, in dem man das Buch eigentlich zuschlagen müsste, um es 50 Seiten vor dem Ende wieder zu öffnen. In den dazwischenliegenden Seiten passiert zwar allerhand – die neuen Freunde werden getrennt, sie verfolgen, bluten, kämpfen, belauschen, rennen, reisen und stellen sich ihren Feinden – aber das ist dermaßen langatmig und unglaubwürdig, dass man sich die Lektüre auch problemlos sparen kann.

Kampf reiht sich an Verfolgungsjagd, bis man es wirklich nicht mehr aushalten kann (und sich fragt, warum zur Hölle, gegen sämtliche Gesetze der Wahrscheinlichkeit, die Helden eigentlich immer noch leben). Das Frustrierendste ist, dass die Handlung bis auf Andeutungen dabei keinen nennenswerten Fortschritt macht. Die Gesamtsituation ändert sich über hunderte von Seiten nicht nennenswert. Am Ende kommt es zu einem fulminanten Kampf. Was genau es nun mit den Glasbüchern auf sich hat, ist dann immer noch nicht gelüftet, und wer die Traumfresser sein sollen, wird ebenfalls nicht deutlich. Das Ende des Romans ist relativ offen gehalten, und so wundert es nicht, dass Dahlquist mit „Das Dunkelbuch“ bereits eine ähnlich seitenstarke Fortsetzung nachgelegt hat.

Fazit: „Die Glasbücher der Traumfresser“ versprechen hervorragende Steampunk-Unterhaltung. Diesem Anspruch wird die Geschichte durchaus gerecht – leider auf gefühlt 500 Seiten zu viel. Dahlquist hat eine tolle Idee und glaubwürdige Charaktere, aber warum muss er sie endlos erzählen und darüber Wesentliches vergessen? Eine Lektüre, die am Ende nicht überzeugen kann. Schade um das verschenkte Potenzial.


Die Glasbücher der Traumfresser
Urban-Fantasy-Roman
Gordon Dahlquist
Blanvalet 2009
978-3-442-37274-4
925 Seiten, Paperback, deutsch
Preis: EUR 9,95

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