Ringboten auf der SPIEL – Ein Messebericht (Teil 1)
Einmal im Jahr trifft sich die versammelte Spielerschaft Deutschlands in Essen, um vier Tage hemmungslos ihrem Hobby zu frönen. Da tummeln sich ‚Besiedler von Catan‘ neben Hüpfburg-Akrobaten, Latexschwertschwinger in Mittelaltergewandung neben verzweifelnd dreinschauenden jungen Frauen, deren knallgelber Bummerang überall hinfliegt, nur nicht zurück in ihre Hand, und an Hunderten von Tischen sitzen Neugierige bei Einführungsrunden in Brett-, Rollen- und Sammelkartenspiele.
von Bernd Perplies
Am Donnerstag, den 19.10.2006, waren auch wir vom Ringboten (hier: Sebastian, Christian und Bernd) mal wieder in den heiligen Hallen aller Gamer unterwegs, um uns über neue Spiele zu informieren und mit alten Bekannten zu plauschen. Dabei war unser erster Eindruck, dass dieses Jahr wohl einige ausländische Verlage den Weg nach Essen gescheut hatten, denn an diversen Stellen der Halle 6 (und nicht nur dort) klafften schmerzliche Lücken im Aufgebot der Messestände. So vermissten wir beispielsweise sehr den großen Stand von AEG, der uns vom letzten Jahr noch so angenehm in Erinnerung war. Und auch unsere britischen Freunde von Mongoose Publishing glänzten bedauerlicherweise durch Abwesenheit. (Läden wie Black Industries, Green Ronin und Eden Studios erwarten wir ja schon gar nicht mehr...)
Auch der Besucherandrang schien an diesem Donnerstag etwas zurückhaltend, was wir zwar mit einer gewissen professionellen Sorge registrierten, auf der anderen Seite privat aber sehr angenehm fanden, denn auf diese Weise bekamen wir einen Parkplatz direkt vor dem Haupteingang und viele der Macher vor Ort hatten mehr Zeit und Lust auf einen zwanglosen Plausch, als es im letzten Jahr der Fall gewesen war.

Unser erstes Ziel war zwar naturgemäß der Stand von Pegasus, doch der verführerische Anblick des Spielesortiments von Fantasy Flight Games, das beim Heidelberger Spieleverlag zu bewundern war, ließ uns einen kurzen Abstecher machen. Vor allem die deutsche Version des Monster-Brettspiels „Descent“ beherrschte den Stand, ebenso eine regelrechte Fülle neuer Kartenerweiterungen für „Runebound“. Doch auch gänzlich neue Spiele waren zu bewundern, darunter das kultig wirkende „Magblast“, das turbulente Dungeon-Spiel „Drakon“ und das strategische Brettspiel „Marvel Heroes“. Daneben war ein großer Flatscreen aufgebaut, auf dem der Trailer des FFG-Filmprojekts „Midnight: The Shadow Falls“ lief. Wer mehr über den epischen Rollenspiel-Film wissen will, sollte hier vorbeischauen: www.midnight-film.com
Der Stand von Pegasus, die diesmal mit sage und schreibe 17 Messeneuheiten auftrumpften, präsentierte sich einmal mehr zweigeteilt. In Halle 12 befand sich die große Spielfläche mit den „familientauglicheren Spielen“: das satirische Bluff-Spiel „Don Peperoni“, der Schnellkurs im Pyramidenbau „Gizeh“ und die neue, kleinere Erweiterung für „Rückkehr der Helden“ namens „Die Gralssuche“ konnte man unter anderem testspielen. Am Stand hatten wir die Möglichkeit zu einem kleinen Austausch mit Rainer Nagel, einem der Macher des „Perry Rhodan“-Rollenspiels, der uns verriet, das es bald Nachschub geben wird: Ein in zwei Bücher geteilter, sehr umfangreicher Quellenband soll Spieler die LFT, die Liga Freier Terraner, näherbringen.

Für uns interessanter war zugegeben der Stand in Halle 6, den sich Pegasus mit WizKids teilte. Mehr „Munchkin“, mehr „Zombies!!!“, „Chulhu Now“ und ein paar echte Hingucker aus den Clix-Reihen, etwa die neuen dreibeinigen Riesenmechs von „MechWarrior“, die „Danger Room“- und „Green Lantern“-Sets von HeroClix und, klar, das neue „HorrorClix“ ließen jedem Fan das Wasser im Mund zusammenlaufen. Den MW-Szenariotisch samt Drop Ship sowie den „Battlestar Galactica“-Spieltisch hätte ich sofort eingepackt und mitgenommen – leider hatte Andreas Finkernagel was dagegen. :-)
Schräg gegenüber deklassierte der weitläufige Stand des MMORPG „Eve Online“ mit großformatigen Graphiken auf edlem Schwarz und einem riesigen Viewscreen, auf dem beeindruckende Shots aus dem Spiel in Endlosschleife liefen, die benachbarten Anbieter und zeigte deutlich, dass das große Geld nicht im Bereich der Pen&Paper-Rollenspiele zu machen ist. Doch aller unterschwelliger Vorurteile zum Trotz erlagen auch wir rasch dem Charme des netten, jungen Teams aus Island, das tatsächlich vor allem angerückt war, um ihr neues Sammelkartenspiel, das auf dem MMORPG basiert, vorzustellen. Game Designer Pétur Örn Þórarinsson selbst lud uns zu einem Testspiel ein und abgesehen davon, dass das Spiel rattenscharf aussieht, hat es auch wirklich Spaß gemacht. Bleibt zu hoffen, dass ihm eine glorreichere Zukunft bevorsteht, als dem letzten SF-CCG, das ähnliche Qualitäten aufwies: „WARS“ von Decipher.

Am „LodlanD“-Stand konnten wir nicht nur Herrn André Wiesler persönlich die Hand schütteln, der allerdings in der Tarnung eines Herrn Schmidt Werbung für ein „Shadowrun“-Messe-Spiel von FanPro machte, wir durften auch einen ersten Blick in das neue, sehr schön überarbeitete „LodlanD 1.5“-Grundregelwerk werfen, das von der Aufmachung her im Vergleich zur ersten Version deutlich zugelegt hat. Außerdem wurde uns verraten, dass für die nahe Zukunft ein Kampagnenband in der Pipeline sei, der dramatische Abenteuer unter Wasser verspricht.
Die Leute von FanPro hatten sich im Vorfeld hinsichtlich ihrer Messeneuheiten ziemlich bedeckt gehalten. Umso freudiger die Überraschung, dass es doch einiges Neues zu bewundern gab. Während Sebastian mit sich haderte, ob er einen am Stand anwesenden Zeichner, der für 10 Euro Charakterporträts anfertigte, mit dem Wunsch schockieren sollte, ihm einen bartlosen „DSA“-Zwerg zu malen, begutachtete ich die präsentierten Produkte. Da wäre beispielsweise der schicke Hardcoverband, der sich mit der „Straßenmagie“ bei „Shadowrun“ auseinandersetzt, oder die neue Abenteuer-Anthologie „Auf Elfenpfaden“ für „DSA“. Mein persönliches Highlight ist jedoch das neue Grundregelwerk zu „Classic BattleTech“, das unter dem Titel „Total Warfare“ in Vollfarbe und im Hardcover eine komplett neue Generation generalüberholter CBT-Produkte anführen soll. Es wäre diesem Klassiker unter den SF-RPG-Universen zu gönnen, dass es sich in Zukunft wieder gleichberechtigt neben dem „MechWarrior“-Miniaturenspiel zu positionieren vermag.
Wie ein Kuriosum auf der SPIEL wirkte der Stand des Internet-Providers 1&1. Offenbar angezogen von den zahlreichen Produktvorstellungen aus der MMORPG-Ecke standen die schicken Damen und Herren zwischen uns vorbeipilgernden Brettspiel- und Rollenspielgeeks und schienen irgendwie fehl am Platze. Schön zu wissen, dass beim metaphorischen Knobeln auf der SPIEL Schere zwar nach wie vor Papier schlägt, aber Papier DSL noch allemal.
In Kürze gibt es weitere Impressionen. Dranbleiben!
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19.10.2006: Die SPIEL in Essen (2) - 25.10.06